Kanzlerblog

\\Zeitgeschehen\\ Medien\\ Netzkultur\\

Monatsarchive: Dezember 2009

Feindbilder

Lange Zeit galt Microsoft vielen Computernutzern als Feindbild. Was die meisten natürlich nicht davon abhält, ihre Rechner munter weiter mit Windows-Software und Office Produkten aus Redmond zu bestücken. So ganz genau nahm man es zumindest im privaten Bereich nicht mit den Lizenzen. Wozu freie Software, wenn man auch geklaute Windows-Software nutzen kann? Kopierschutz und ausgefeilte Lizenz-Schlüssel nutzten da wenig. Der Aufschrei kam, als der Konzern mit Windows 95 erstmals wirklich auf die Rechner der Nutzer durchgriff. Online-Registrierung, oder zumindest doch per Telefon. Totale Kontrolle. Was wird da wirklich nach Redmond gemeldet? Der gläserne Nutzer? Das berechtigte Interesse Microsofts, sein geistiges Eigentum zu schützen, brachte seltsame Früchte hervor. Doch man hatte sich schnell dran gewöhnt. Das Image von Microsoft litt trotzdem.

Der kometenhafte Aufstieg des strahlenden Sterns des Internetzeitalters hatte da noch gar nicht richtig begonnen: Google. ‘Don’t be evil’ haben sie gesagt. Und alle glaubten es. So ganz anders als Microsoft. Eine schöne bunte Welt. Und alles kostenlos. Toll! Ganz schnell entstand ein neues Monopol – nicht auf dem Desktop, sondern im Internet. Bis heute gehen die meisten Nutzer recht sorglos mit den Informationen um, die sie der schönen bunten Suchmaschine und den zahlreichen Diensten anvertrauen. Informationen, von denen nicht allein Microsoft, sondern auch jeder Innenminister der Welt nur träumen kann. Goolge-Bashing ist zwar mittlerweile auch en Vogue, am Nutzerverhalten ändert das allerdings wenig.

Bleibt noch Apple. Die sind gut. Sie waren immer die elegante Alternative zu Microsoft. Für die Designorientierten. Für die Intellektuellen. Für die, die was auf sich halten. Steve Jobs, die Lichtgestalt. Da störte es wenig, wenn Greenpeace in seinen Umweltrankings Apple Jahr für ein katastrophales Zeugnis ausstellte. Apple gelobte Besserung. Immer wieder, bis zum nächsten Jahr. Mit dem Siegeszug des iPhone übernimmt Apple nun die totale Kontrolle über die Nutzer. Es gibt eine scharfe Zensur. Nur Apps, die von Cupertino abgesegnet sind, laufen auf dem iPhone. Missliebige Inhalte werden entfernt, Pressefreiheit gibt es nur von Apples Gnaden. Der Stern zeigt nackte Haut? Die App von Stern wird gelöscht. Jemand weigert sich, seine Software zu aktualisieren? Dann entzieht er sich vielleicht der Zensur? Das iPhone wird abgeschaltet. So etwas hätte Microsoft niemals gewagt. Und die Nutzer machen alles mit. Sie jubeln noch dazu. Einer aktuellen Studie von Strand Consult zufolge leiden viele sogar unter dem Stockholm-Syndrom.  Sie nehmen Apple gegen alle potenziellen Anfeindungen in vorauseilendem Gehorsam in Schutz. Mittlerweile hat Apple nicht nur die Nutzer als Geisel genommen, sondern zunehmend auch die Verlage. Sie hoffen darauf, auf dem iPhone das Geld zu verdienen, das im Internet niemand zu zahlen bereit ist. Werden sie sich der Zensur beugen? Warten wir’s ab.

Wer sind die guten? Open Source? Auch hier sind mächtige Konzerne involviert. Novell, Oracle, IBM und insbesondere auch Google. Google penetriert die Szene mit seiner bunten Welt. Events wie der Summer of Code ziehen die Entwickler an. Android als Instrument, den Smartphone Markt aufzurollen. Novell paktiert mit Micorsoft. Noch stehen viele Aktivisten in der Community für eine unabhängige Open Source Bewegung. Noch sind OpenSuse, Ubuntu und Co. sicher eine gute Alternative zum Windows Desktop. Chrome OS ist für mich dagegen der Open Source Horror schlechthin.

Microsoft hat mittlerweile viel dazu gelernt. Gegen die neuen Mächte des Internets und des Mobile Content erscheint der Desktop-Gigant eher harmlos. Sicher ist er noch mit Vorsicht zu genießen. Aber ich fühle mich mittlerweile besser, Bing zu nutzen anstelle von Google. Und ein Windows 7 würde ich Chroms OS immer vorziehen. Selbst Steve Ballmer kommt mir mittlerweile zunehmend sympathisch rüber. Aber noch gibt es keinen Grund, das OpenSuse von meinem Desktop auszusperren.

Farbwolke

Wenig Zeit zum Bloggen die letzten Tage. Die Zugriffszahlen zeigen, dass in diesen Tagen eh kaum einer guckt. Jetzt lohnt aber wenigstens ein Blick in die Blogroll: Farbwolke ist neu hinzugekommen. Hat mich einfach auf Twitter verfolgt. Ein Besuch beim Blog rund um Design, Schönheit und Ästhetik lohnt sich.

Verdiente Auszeichnung

Das Handelsblatt hat mitten in der Medienkrise einen fulminanten Relaunch hingelegt. Einige Monate zuvor hat Chefredakteur Bernd Ziesemer das Konzept auf einer Podiumsdiskussion vorgestellt. Es schien wohl durchdacht, aber ein gewagtes Experiment. Tabloid Format. Starke Vernetzung von Print-Titel und medialen Inhalten. Twitter. Facebook. Mobile Angebote für Smartphones. Das ganze gerade auch vor dem Hintergrund, dass die Zielgruppe immer mobiler wird.

Es hat funktioniert. Und zwar richtig gut. Das Format wurde schnell angenommen. Auch ich, der sich als latent Neophober mit solchen Wechseln immer ein wenig schwer tut, habe nur ein paar Tage geraucht. Die Vernetzung von Print und Online ist intelligent gemacht. Ein Beitrag in der Zeitung verweist beispielsweise auf ein ganzes Online-Dossier zum Nachlesen. Und auf beiden Kanälen gibt es nicht nur Zweitverwertungen, sondern auch viel Exklusives. Es wird viel drüber geredet, und immer wieder ist in den Gesprächen zu hören, dass das Format ideal ist, um es auf Reisen mitzunehmen.

Die Auszeichnung „Chefredakteur des Jahres“ vom mediun magazin hat Ziesemer deshalb absolut verdient. Während andere Verlage das Internet am liebsten abschaffen oder in Pay TV (das ja bekanntlich sehr erfolgreich ist!) verwandeln wollen, hat er die Zeitung neu erfunden. Gratuliere!

Ebenfalls verdient ist sicher die Auszeichnung für Nikolaus Brender als Journalist des Jahres. Hier wurde ein Zeichen gegen das Staatsfernsehen gesetzt. Der Fehler liegt offenbar im System. Es kann eigentlich nicht angehen, dass diejenigen den Rundfunk kontrollieren, über die er berichten soll. Bisher hat aber von dieser Macht niemand so hemmungslos und offensichtlich Gebrauch gemacht wie der hessische Ministerpräsident. Eigentlich sollte man dafür einen Monat die GEZ-Gebühr boykottieren. Kommentare erwünscht!

Danke, Wikipedia

Wenige Projekte im Netz haben unser Leben so verändert wie Wikipedia. Alle profitieren von dem schnellen und unkomplizierten Zugang zum Wissen der Welt. Sicher gibt es Grenzen. Die freie Enzyklopädie – das wissen wir spätestens seit diesem Jahr – kann eine sorgfältige journalistische Recherche nicht ersetzen. Und angesichts der rasanten Entwicklung des Projektes gibt es derzeit heftige, zum teil erbitterte Richtungsdiskussionen. Das wird sich alles früher oder später zurechtruckeln. Auf jeden Fall ist und bleibt das Projekt eine Bereicherung für die gesamte Internetgemeinde.

Weihnachten ist auch die Zeit wo alle noch mal sehen ob sie etwas übrig haben, womit sie etwas bewirken können. Spenden für die Armen, die Benachteiligten, für die Umwelt, für engagierte Projekte. Auch Wikipedia finanziert sich durch Spenden. Viellicht ist es jetzt an der Zeit, einmal ‘Danke, Wikipedia’ zu sagen. Spenden ist ganz einfach. Ein Klick auf den Wikipedia-Button in der rechten Spalte führt gleich zum Spendenaufruf. Wenn viele mitmachen, helfen auch schon ganz kleine Beträge.

Wer das Sagen hat und wer was zu sagen hat

Es ist ja jetzt überall die Zeit des Jahresrückblicks. Eines der erstaunlichsten Medienereignisse war für mich die Schlacht um Opel. Nicht in erster Linie die Sache selbst, obwohl die natürlich sehr gekonnt inszeniert war. Aber das Erstaunliche war eigentlich, wer die Kommunikation in der Hand hatte: Betriebsräte und Gewerkschaften. Die haben ihre Medienmaschine laufen lassen und das deutsche und europäische Management blieb fast komplett außen vor. Viellicht war das ja auch so beabsichtigt. Aber trotzdem: Opel in der öffentlichen Wahrnehmung, das waren eine ganze Weile die Mitarbeiter. Die Politik hat natürlich auch ordentlich einen auf Opelaner gemacht, aber die kommunizieren immer nur für sich, nie für Opel.

Na ja, am Ende hat das Management von GM in den USA dann alle einmal kräftig vorgeführt und gezeigt wer das sagen hat…