Kanzlerblog

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Monatsarchive: Juli 2010

Ab heute wird geflattert

Oder heißt es geflattrt? Flattr, das ist dieser unmögliche Mikrobezahl-Dienst aus Schweden. Dahinter steckt der Pirate-Bay-Gründer Peter Sunde.

Noch ist Flattr im Beta-Test. Schon bald könnte der Dienst neue Wege weisen, wie Inhalte im Netz bezahlt werden. Viele Blogger nutzen es bereits. Aber auch die TAZ. Es funktioniert kinderleicht: In der Beta-Phase muss man erst noch eine Einladung zum Test anfordern. Nach Erhalt kann man einen Account anlegen und den monatlichen Betrag (ab 2 €) festlegen, den man entrichten will. Dann wird das Konto eingerichtet – wie auf einem normalen Konto kann man darauf auch Zahlungseingänge verbuchen. Geben und nehmen also.

Wo immer im Netz ein Beitrag mit dem Flattr-Button auftaucht, kann man ihn flattern, wenn er es wert scheint. Und man kann den Button in die eigenen Seiten einbinden und damit selbst geflattert werden. Zum Monatsende wird der eingezahlte Betrag zwischen allen geflatterten Beitragen aufgeteilt. Zehn Prozent gehen als Provision und zur Refinanzierung an Flattr.

Ein Zukunftsmodell für die Finanzierung journalistischer Inhalte im Netz? Die Taz verdient schon um die tausend Euro im Monat. Und das in der Beta-Phase. Man gibt gerne mal ein paar Cent für einen guten Artikel. Bei einem festen Abo ist die Hemmschwelle höher.

Bleiben wir gespannt, wie sich der Dienst entwickelt. Mir scheint es der goldene Mittelweg zwischen Kostenlos-Kultur und Bezahl-Firewall im Netz. Voraussetzung sind mündige Leser, die verantwortlich handeln. Und die gibt es. Bestimmt.

Medienmaschine auf Hochtouren und der Mob im Internet: Das Drama um die Love Parade

Nach der Katastrophe auf der Love Parade wird das Sommerloch wohl ausfallen. Die Medienmaschine läuft auf Hochtouren. Nicht nur in Deutschland. Die internationale Presse von Frankreich bis China berichtet über das schreckliche Ereignis. Und über allem steht die Frage der Verantwortung.

Eine schnelle Aufklärung ist im öffentlichen Interesse. Und da auch ausländische Staatsbürger zu Schaden, ja sogar zu Tode gekommen sind, steht auch ein Stück weit die Reputation Deutschlands in der Welt auf dem Spiel. Es erscheint regelrecht zynisch, dass sich eine solche Katastrophe sich in einem Land ereignet hat, das international für höchste Sicherheitsstandards steht. Der deutsche TÜV ist sogar ein Exportschlager.

Allerdings wird es die gewünschte schnelle Aufklärung nicht geben. Das hat die Duisburger Staatsanwaltschaft heute klargestellt. Sie spricht von Wochen, vielleicht sogar Monaten, die benötigt werden.

Derweil läuft die Medienmaschine auf Hochtouren. In der Tat erscheinen die Indizien, die für ein fahrlässiges Handeln der Veranstalter sprechen, erdrückend. Gleichzeitig ist ihnen echte Betroffenheit anzumerken. Gut. Alles andere wäre wohl auch nicht nachvollziehbar. Doch wenn sie derzeit schlecht schlafen, dann sicher nicht nur deshalb, weil sie um ihren Kopf fürchten.

Aber die Grenzen zwischen Aufklärung und Vorverurteilung sind fließend. Einige Medien gießen mächtig Öl ins Feuer. Das macht sofort die Runde, wird online, im Print und Hoerfunk aufgegriffen. Ist das Bild das entsteht realistisch? Gibt es vor solchen Großveranstaltungen vielleicht regelmäßig Mahner und Bedenkentraeger? Werden sie vielleicht nur dann im Nachhinein gehört, wenn etwas schief geht? Man weiß es nicht. Auf Facebook und in den Kommentaren zu den Online-Artikeln der Leitmedien jedenfalls sind die Schuldigen längst ausgemacht. Im Netz meldet sich ein wütender Mob zu Wort. Ums so wichtiger, dass der Journalismus seiner Sorgfaltspflicht nachkommt und sich um eine ausgewogene Berichterstattung ohne Sensationsgier bemüht.

Auch zum Boykott von McFit wird bereits aufgerufen. Die Fitness-Kette ist nicht nur Hauptsponsor der Love Parade, sondern in der Person Rainer Schallers als Geschäftsführer der Lopavent GmbH auch Veranstalter. Ist er verantwortlich für die Sicherheitsmängel? Viele äußern lautstark die Überzeugung, dass die Katastrophe vor allem seiner Profitgier geschuldet ist. Doch Vorsicht an der Bahnsteigkante: Tausende Betreiber von Fitness-Studios warten schon lange auf die Gelegenheit, ihre Rechnung mit Schaller zu begleichen. Eine komplizierte Gemengelage aus Betroffenheit, Meinung und vielleicht anderen Interessen? Auch das weiß man nicht.

Sicher haben die Beteiligten insgesamt kein gutes Bild in der Öffentlichkeit abgegeben. Wie auch, angesichts einer Katastrophe von solchen Ausmaßen? Trotzdem: Viele Journalisten sprechen angesichts der Pressekonferenz am Sonntag von einer Farce. Auf der Facebook-Seite von McFit – und längst nicht nur dort – sammelten sich kritische Kommentare. Die einzige Reaktion war zunächst die Löschung von Posts. Es mag zutreffen, dass diese zynisch und menschenverachtend waren, wie bei McFit zu lesen war. Was aber fehlte, war eine Stellungnahme von McFit selbst. Es dauerte fast 24 Stunden, bis ein kurzes Statement auf Facebook und der Homepage (wo zunächst noch die fröhliche Werbung für die Love Parade zu lesen war) erschien. Die User auf Facebook hatten das zu diesem Zeitpunkt längst eingefordert.

Die Erfolgsstory von McFit ist eng mit der Love Parade verbunden. Am Sonntag hat Schaller selbst das Ende der Love Parade verkündet…

Was bleibt ist Trauer, Entsetzen, Betroffenheit. Es werden Lehren daraus zu ziehen sein. Und an erster Stelle muss die Frage nach der Verantwortlichkeit geklärt werden. Nach rechtsstaatlichen Prinzipien. Einer der Grundsätze unserer Rechtsprechung lautet: In dubio pro reo – im Zweifelsfalle für den Angeklagten. Derzeit laufen die Ermittlungen offiziell gegen Unbekannt. Es gibt noch keine Angeklagten. Und Anklage zu erheben ist noch immer Sache der Gerichte.

Update 26.07.2010, 18:15 Uhr: Mittlerweile wurde gegen Rainer Schaller Anzeige wegen fahrlässiger Tötung erstattet.

Life in a Day und Love Parade: Es sollte ein Tag des Lebens und der Liebe werden….

Ich war ganz nah dran an der Love Parade. Weit genug weg, um von der Panik und dem Sterben nichts mit zu bekommen. Mit Kindern, vergnügt, unbeschwert. Nur wenige Kilometer entfernt. Die letzte Ausfahrt vor der Autobahnsperrung.

Es sollte der Tag des Life in a day-Projektes sein. Ich wusste schon seit Wochen, was ich machen wollte. Ich wollte vom Hochofen 5 im Landschaftspark Nord in Duisburg versuchen, einen Blick auf die Love Parade zu werfen und ein Video aufzunehmen. Alltagsimpressionen aus dem Ruhrgebiet vermischen mit einem Blick durchs Schlüsselloch der größten Party der Welt.

Der Blick ist mir verwehrt geblieben. Gott sei Dank. In 90 Meter Höhe haben uns Bäume (ja, es gibt viel Grün im Ruhrgebiet) und Industriebrachen den Blick auf die Katastrophe versperrt. Je nach Windrichtung haben wir nur etwas von der Musik gehört. Tatsächlich dachte ich, es könnte nicht viel los sein, sonst müsste man etwas sehen. Um 17:53 habe ich ein Bild von oben mit einem flotten Spruch auf facebook hochgeladen. Erst später habe ich gesehen, dass das Datennetz überlastet war und der Upload abgebrochen wurde. Das war wohl auch besser so. Auch die Videos werde ich wohl nicht mehr an das Projekt weiterleiten.

Blick von Norden über Duisburg zur Zeit der Loveparade

Zwei mal waren wir auf dem Hochofen. Mein Sohn, sein Freund und ich. Zwischendurch Toben auf dem Spielplatz und der Riesenrutsche. Unbeschwert eben. Beim zweiten Mal war die Massenpanik wohl schon in vollem Gange. Wir haben nichts davon mitbekommen.

Die Krankenhäuser in der Region haben schon vorab den Ausnahmezustand ausgerufen. Ich hielt es für übertrieben. Meine Frau arbeitet im Krankenhaus und ist im Einsatz. Kurz vor sieben ruft sie an. Geht’s Euch gut? Wir sind gerade auf dem Heimweg. Alles bestens, wieso? Schon elf Tote, weiß sie zu berichten. Schwerverletzte. Massenpanik. Die schlimmsten Befürchtungen werden wahr.

Ich komme nach hause. Grausige Berichte im Internet. Jetzt schon 14 Tote, kurz darauf 15. Die Party geht weiter, um die Panik nicht noch weiter zu schüren. Rettungswagen aus ganz NRW auf dem Weg nach Duisburg. Überforderte Helfer, hilflose Polizei. Auf Facebook und RP online melden sich die Stimmen zu Wort, die es von von Anfang an haben kommen sehen. Andere natürlich auch.

Ich wollte ganz nah dran sein. Die Parade der Liebe irgendwie in den Tag des Lebens einbringen. So schnell kann’s gehen. Die Parade der Liebe wird zum dunklen Fleck im Tag des Lebens. Sicher, gestorben wird überall. Im Irak, Afghanistan, den Bergwerken von China und Russland, den Krisenherden in Afrika – überall dort ist es Alltag. Aber hier gehört das nicht hin. Unbeschwert sollte sie ablaufen, die größte Party der Welt. Und für die Sponsoren sollte sie sich rechnen. In deren Haut möchte ich jetzt auch nicht stecken.

Die Frage nach dem Überleben der Loveparade werden die Medien wohl in den nächsten Tagen aufbringen. Tage, in denen Duisburg wohl noch im Schockzustand verharrt. Ebenso wie die vielen Menschen, die vor Ort waren. Wie die Angehörigen der Toten. Wie all jene, die zu nah dran waren, um es schon bald irgendwie fassen zu können.

Großes Kino?

Morgen könnte ein denkwürdiger Tag werden. Unter dem Motto Life in a day – das Leben an einem Tag – hat youtube den 24.07.2010 zum Projekttag  ausgerufen. Weltweit können die Nutzer Filmszenen aufnehmen und auf dem Channel hochladen. Kevin Macdonald und Ridley Scott sollen daraus einen Dokumentarfilm bauen, der im Januar 2011 auf dem Sundance Film Festival erstmals gezeigt wird.

Ich werde mal versuchen, morgen auf den Hochofen 5 im Duisburger Landschaftspark zu steigen und von dort einen Blick auf die Love Parade zu erhaschen. Vielleicht gibt das ja die eine oder andere interessante Sequenz von der größten Party der Welt. Und mal schauen, was der Tag noch so bringt. Sicher ein spannendes Filmexperiment, bei dem es sich lohnt, dabei zu sein…

Mehr Infos dazu gibt es auf heise online.

Ist Qualitätsjournalismus in Zukunft noch finanzierbar?

Qualitativ hochwertiger Journalismus und gut recherchierte Berichte gehören zu den Grundpfeilern unserer Gesellschaft und unserer Demokratie. Es gibt dazu keine Alternative. Aber wie soll er künftig finanziert werden? Die Werbeeinnahmen der Print-Titel sind seit Jahren rückläufig. Die Verkaufserlöse ebenfalls. Die Einnahmen im Online-Bereich steigen zwar, doch sind die Margen weitaus geringer als im Print.

Ist der Qualitätsjournalismus noch finanzierbar? Google gibt jetzt eine überraschend klare Antwort: Ja, aber die Zeiten der hohen Gewinnmargen sind vorbei. golem.de fasst die (durchaus logischen) Argumente von Google zusammen: „Die Margen basierten auf künstlicher Verknappung: Eingeschränkte Wahlmöglichkeiten für Werbetreibende und Leser. Mit dem Internet habe sich die Verknappung erübrigt und sei durch Überfluss ersetzt worden. Daran werde keine staatliche Regulierung etwas ändern und die Umsätze der Verlage wieder auf das alte Niveau bringen.“

Natürlich muss man das Ganze im Zusammenhang sehen: Google muss sich des Vorwurfs erwehren, mit den journalistischen Inhalten Geld zu verdienen und will sich natürlich aller Verpflichtungen und Forderungen erwehren. Doch dass Google vom journalistischen Content profitiert, lässt sich nicht abstreiten.

Und wenn die Leser für die Inhalte bezahlen? Kann man sie umerziehen? Der australische Medienmogul Rupert Murdoch hat seine Ankündigungen wahr gemacht und verlangt nun Geld für Inhalte. Das Ergebnis ist verheerend: Die Leser wandern scharenweise ab. Das Online-Angebot der Times als eines seiner Flaggschiffe hat bereits mindestens zwei Drittel seiner Leser eingebüßt. Auch deutsche Verlage planen eine Bezahl-Firewall für ihre Inhalte oder haben sie in Teilen – meistens bei der Lokal-Berichterstattung – bereits realisiert. Doch um das auf Dauer durchhalten zu können, bedarf es wohl eines Medienkartells.

Und trotzdem: Mit gutem Journalismus lässt sich offenbar nach wie vor Geld verdienen – auch im Internet. Thomas Knüwer hat kürzlich wieder einmal durchgeklickt und festgestellt, dass einige führende Internetportale wie spiegel online, RP online und andere durchaus profitabel sind oder zumindest ihre Defizite rasant abbauen. Das Internet gibt es her. Seltsamerweise ist er vor einem guten halben Jahr schon einmal zu dem Schluss gekommen, aber scheinbar wollte niemand etwas davon hören. Im „normalen“ Internet wollen Nutzer ihre Inhalte kostenlos. Daran ändert auch das iPad nichts.  Google zeigt wie es geht, damit Geld zu verdienen. Und wie Thomas Knüwer nachweist, können Verlage das auch. Nur die Margen sind nicht mehr die, die sie einmal waren. Vor der dritten Medienrevolution, wie Markus Reiter es nennt.

Um im Internet mit journalistischen Inhalten erfolgreich zu sein, braucht es zunächst Investitionen. Die können vor allem erst einmal nur die großen Verlage tätigen. Und selbst dort scheuen sich viele davor. Gerade den kleinen Fachverlagen fehlt es an Mitteln, um sich auf das neue Zeitalter einzustellen. Doch sie werden es auf Dauer tun müssen. Für einige ist es bereits zu spät. Andere haben gezeigt, wie es geht: Der sicher nicht ganz so kleine und durchaus auch finanzkräftige IDG-Verlag hat sein Online-Angebot seit Jahren kontinuierlich ausgebaut. Es ist für Nutzer und Werbetreibende hoch attraktiv. Andere werden ihre Hausaufgaben noch machen müssen. Sonst können sie nur in der Nische überleben – wenn überhaupt.

Einen Beitrag zur Aufrechterhaltung des Qualitätsjournalismus auch im Internet-Zeitalter könnten dennoch alle leisten, die journalistische Inhalte nicht selbstverständlich kostenlos nutzen möchten. Die TAZ hat es vorgemacht. Sie setzt auf kleine, freiwillige Zahlungen über den Micro-Payment-Dienst Flattr. Wenn sich ein gesellschaftlicher Konsens entwickeln lässt, dass Journalismus in welcher Form auch immer einen Preis hat, und jeder bestimmt, was er ihm wert ist, ließe sich vielleicht anstelle der pauschalen Bezahl-Firewall ein Weg finden, um auch die Leser an der Finanzierung des Qualitäts-Journalismus zu beteiligen.

Und Google? Google ist ein Bindeglied zwischen Internetnutzern, Werbetreibenden und Inhalteanbietern. Ein bisschen mehr Fantasie, wie man die Interessen aller unter einen Hut bringen kann, könnte man hier schon erwarten. Dann braucht es auch keine Regulierung.