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Schlagwort-Archiv: Love Parade 2010

Verkommt die Love Parade zur Randnotiz?

Wieder nur Bauernopfer? Die Staatsanwaltschaft bereitet die Anklage wegen der Love Parade- Katastrophe vor. Und wie selbstverständlich berichten einige Medien, dass es 16 Beschuldigte gibt. Lopavent Geschäftsführer Rainer Schaller und Duisburgs OB Adolf Sauerland sind nicht darunter, heißt es lapidar.

Wie bitte? Wo bleibt die Begründung? Keine Erklärung? Eine kurze Meldung im WDR, ein wenig hintergründiger Bericht auf RP-online. Wo bleiben die Analysen, die Kommentare, die kritischen Fragen? Fehlanzeige. Ist das Thema schon ad acta gelegt? Hat es als Aufreger seine Schuldigkeit getan?

Schaller ist lange abgetaucht. Im April endet meine McFit Mitgliedschaft. Ich habe vorsorglich gekündigt. Im Mitgliedermagazin schickt Schaller, der früher kein Editorial ausließ, nur noch seinen Chefredakteur vor. Früher habe ich keine Ausgabe verpasst. Heute schau ich nur noch auf Seite 3, ob etwas vom Chef des Ganzen kommt und lege das Magazin danach enttäuscht weg. Er kneift immer noch. Wo bin ich da bloß (noch) Mitglied?

Sauerland dagegen hat wieder Oberwasser. Jovial stellt er sich vor seine Mitarbeiter. Jetzt kann er es sich leisten. Und seine Sturheit zahlt sich aus. Nun kann er sich also wieder in der Öffentlichkeit sehen lassen. Vergessen all die Anschuldigungen, die belastenden Dokumente – alles haltlos? So genau will es scheinbar keiner mehr wissen, oder?

Und die Beschuldigten? Tragen wirklich sie, überwiegend Mitarbeiter von Schaller und Sauerland, die alleinige Verantwortung? Und standen sie kein bißchen unter Druck? Oder sind sie doch nur Bauernopfer?

Es gibt viele offene Fragen. Ob sie wohl im Prozess beantwortet werden? Werden die Medien dabei helfen? Nachfragen sollten sie schon. Die letzte Love Parade darf nicht zur Randnotiz verkommen!

Immerhin, derwesten.de berichtet ausführlicher. Auch darüber, dass ein Duisburger Anwalt Dienstaufsichtsbeschwerde eingelegt hat. Seine Söhne sind der Hölle knapp entkommen.

Schaller kneift

Nicht einmal vor dem Untersuchungsausschuss der Landtags in NRW lässt Loveparade-Veranstalter Rainer Schaller sich blicken. Ist sein Beitrag zur Aufklärung damit geleistet, ein Video ins Netz zu stellen? Ein paar Animationen? Sicher nicht. Er hätte Rede und Antwort stehen müssen. Persönlich. Antwort steckt in dem Wort Verantwortung.

Und das Video? Antworten oder Interpretationen? Wer solche Vorwürfe erhebt, muss sich seiner Sache jedenfalls verdammt sicher sein. Und dann gibt es keinen Grund zu kneifen.

Aber Schaller kneift und schickt seine Vertreter vor. Dagegen sieht selbst Duisburgs OB Adolf Sauerland einfach gut aus…

RP online berichtet: Loveparade-Ausschuss im Landtag

McFit: Kopflose Kommunikation

Der Kommunikation von McFit fehlt der Kopf. Im doppelten Sinne. Geschäftsführer und Gründer Rainer Schaller ist nach der Love Parade-Katastrophe abgetaucht. Er hinterlässt ein Vakuum. Bis heute sind die Erklärungen des Veranstalters der Love Parade dünn und spärlich.

Auf der Homepage gab es ein schmallippiges Statement: „Die Menschen und Macher von McFit, dem Hauptsponsor der Loveparade Metropole Ruhr 2007-2011, sind erschüttert und zutiefst betroffen von dem tragischen Unglück, welches sich auf der Loveparade in Duisburg ereignet hat. Wir sind mit unseren Gedanken und unserem Mitgefühl bei allen Angehörigen und Freunden der Unfallopfer.“

Nach einer Schamfrist wurde das Statement schon wieder von der Seite genommen. Wieder alles richtig schön bunt hier! Anstelle des Editorials in der Mitgliederzeitschrift, das normalerweise Schallers Porträt ziert und in dem er seine Favoriten der Ausgabe vorstellt, das selbe Statement. Klein und dürftig auf zwei ansonsten schwarzen Seiten. Der selbe Text auf Facebook. Danach ein paar Wochen Sendepause. Am 16.08.2010 heißt es schließlich auf der Fanpage: „Liebe Mitglieder und Fans. Aus Respekt vor den Opfern und deren Hinterbliebenen haben wir die Fanpage die letzten Wochen ruhen lassen. Wir möchten nun mit euch wieder in den Dialog treten. Bitte sagt uns, was ihr darüber denkt.“ Auf dem Studiokanal ging die Party die ganze Zeit weiter. Nicht einmal das dünne Statement war zu sehen.

Die Menschen und Macher von McFit? Wo bleibt der Kopf, der für alles steht? Wann bricht er sein Schweigen? Sicher ist es ungeheuerlich, mit der Last dieser Verantwortung fertig werden zu müssen. Ganz unabhängig von der Schuldfrage. Aber Abtauchen macht die Sache nicht besser. Eine kopflose Kommunikation, bei der nicht einmal echte Betroffenheit erkennbar ist, schadet der Sache in der Öffentlichkeit. Und jetzt ohne Aufarbeitung einfach wieder zur Tagesordnung überzugehen ist zynisch. Die Frage, ob man in so einem Laden noch guten Gewissens Mitglied sein kann, beantwortet sich damit fast von selbst.

Am 6. September erscheint die neue Ausgabe der Mitgliederzeitschrift “Einfach gut aussehen” – ob Schaller darin Farbe bekennt? Wird er sich weiter wegducken? Oder wird man auch dort zur Tagesordnung übergehen? Es gibt einiges zu erklären…

Medienmaschine auf Hochtouren und der Mob im Internet: Das Drama um die Love Parade

Nach der Katastrophe auf der Love Parade wird das Sommerloch wohl ausfallen. Die Medienmaschine läuft auf Hochtouren. Nicht nur in Deutschland. Die internationale Presse von Frankreich bis China berichtet über das schreckliche Ereignis. Und über allem steht die Frage der Verantwortung.

Eine schnelle Aufklärung ist im öffentlichen Interesse. Und da auch ausländische Staatsbürger zu Schaden, ja sogar zu Tode gekommen sind, steht auch ein Stück weit die Reputation Deutschlands in der Welt auf dem Spiel. Es erscheint regelrecht zynisch, dass sich eine solche Katastrophe sich in einem Land ereignet hat, das international für höchste Sicherheitsstandards steht. Der deutsche TÜV ist sogar ein Exportschlager.

Allerdings wird es die gewünschte schnelle Aufklärung nicht geben. Das hat die Duisburger Staatsanwaltschaft heute klargestellt. Sie spricht von Wochen, vielleicht sogar Monaten, die benötigt werden.

Derweil läuft die Medienmaschine auf Hochtouren. In der Tat erscheinen die Indizien, die für ein fahrlässiges Handeln der Veranstalter sprechen, erdrückend. Gleichzeitig ist ihnen echte Betroffenheit anzumerken. Gut. Alles andere wäre wohl auch nicht nachvollziehbar. Doch wenn sie derzeit schlecht schlafen, dann sicher nicht nur deshalb, weil sie um ihren Kopf fürchten.

Aber die Grenzen zwischen Aufklärung und Vorverurteilung sind fließend. Einige Medien gießen mächtig Öl ins Feuer. Das macht sofort die Runde, wird online, im Print und Hoerfunk aufgegriffen. Ist das Bild das entsteht realistisch? Gibt es vor solchen Großveranstaltungen vielleicht regelmäßig Mahner und Bedenkentraeger? Werden sie vielleicht nur dann im Nachhinein gehört, wenn etwas schief geht? Man weiß es nicht. Auf Facebook und in den Kommentaren zu den Online-Artikeln der Leitmedien jedenfalls sind die Schuldigen längst ausgemacht. Im Netz meldet sich ein wütender Mob zu Wort. Ums so wichtiger, dass der Journalismus seiner Sorgfaltspflicht nachkommt und sich um eine ausgewogene Berichterstattung ohne Sensationsgier bemüht.

Auch zum Boykott von McFit wird bereits aufgerufen. Die Fitness-Kette ist nicht nur Hauptsponsor der Love Parade, sondern in der Person Rainer Schallers als Geschäftsführer der Lopavent GmbH auch Veranstalter. Ist er verantwortlich für die Sicherheitsmängel? Viele äußern lautstark die Überzeugung, dass die Katastrophe vor allem seiner Profitgier geschuldet ist. Doch Vorsicht an der Bahnsteigkante: Tausende Betreiber von Fitness-Studios warten schon lange auf die Gelegenheit, ihre Rechnung mit Schaller zu begleichen. Eine komplizierte Gemengelage aus Betroffenheit, Meinung und vielleicht anderen Interessen? Auch das weiß man nicht.

Sicher haben die Beteiligten insgesamt kein gutes Bild in der Öffentlichkeit abgegeben. Wie auch, angesichts einer Katastrophe von solchen Ausmaßen? Trotzdem: Viele Journalisten sprechen angesichts der Pressekonferenz am Sonntag von einer Farce. Auf der Facebook-Seite von McFit – und längst nicht nur dort – sammelten sich kritische Kommentare. Die einzige Reaktion war zunächst die Löschung von Posts. Es mag zutreffen, dass diese zynisch und menschenverachtend waren, wie bei McFit zu lesen war. Was aber fehlte, war eine Stellungnahme von McFit selbst. Es dauerte fast 24 Stunden, bis ein kurzes Statement auf Facebook und der Homepage (wo zunächst noch die fröhliche Werbung für die Love Parade zu lesen war) erschien. Die User auf Facebook hatten das zu diesem Zeitpunkt längst eingefordert.

Die Erfolgsstory von McFit ist eng mit der Love Parade verbunden. Am Sonntag hat Schaller selbst das Ende der Love Parade verkündet…

Was bleibt ist Trauer, Entsetzen, Betroffenheit. Es werden Lehren daraus zu ziehen sein. Und an erster Stelle muss die Frage nach der Verantwortlichkeit geklärt werden. Nach rechtsstaatlichen Prinzipien. Einer der Grundsätze unserer Rechtsprechung lautet: In dubio pro reo – im Zweifelsfalle für den Angeklagten. Derzeit laufen die Ermittlungen offiziell gegen Unbekannt. Es gibt noch keine Angeklagten. Und Anklage zu erheben ist noch immer Sache der Gerichte.

Update 26.07.2010, 18:15 Uhr: Mittlerweile wurde gegen Rainer Schaller Anzeige wegen fahrlässiger Tötung erstattet.

Life in a Day und Love Parade: Es sollte ein Tag des Lebens und der Liebe werden….

Ich war ganz nah dran an der Love Parade. Weit genug weg, um von der Panik und dem Sterben nichts mit zu bekommen. Mit Kindern, vergnügt, unbeschwert. Nur wenige Kilometer entfernt. Die letzte Ausfahrt vor der Autobahnsperrung.

Es sollte der Tag des Life in a day-Projektes sein. Ich wusste schon seit Wochen, was ich machen wollte. Ich wollte vom Hochofen 5 im Landschaftspark Nord in Duisburg versuchen, einen Blick auf die Love Parade zu werfen und ein Video aufzunehmen. Alltagsimpressionen aus dem Ruhrgebiet vermischen mit einem Blick durchs Schlüsselloch der größten Party der Welt.

Der Blick ist mir verwehrt geblieben. Gott sei Dank. In 90 Meter Höhe haben uns Bäume (ja, es gibt viel Grün im Ruhrgebiet) und Industriebrachen den Blick auf die Katastrophe versperrt. Je nach Windrichtung haben wir nur etwas von der Musik gehört. Tatsächlich dachte ich, es könnte nicht viel los sein, sonst müsste man etwas sehen. Um 17:53 habe ich ein Bild von oben mit einem flotten Spruch auf facebook hochgeladen. Erst später habe ich gesehen, dass das Datennetz überlastet war und der Upload abgebrochen wurde. Das war wohl auch besser so. Auch die Videos werde ich wohl nicht mehr an das Projekt weiterleiten.

Blick von Norden über Duisburg zur Zeit der Loveparade

Zwei mal waren wir auf dem Hochofen. Mein Sohn, sein Freund und ich. Zwischendurch Toben auf dem Spielplatz und der Riesenrutsche. Unbeschwert eben. Beim zweiten Mal war die Massenpanik wohl schon in vollem Gange. Wir haben nichts davon mitbekommen.

Die Krankenhäuser in der Region haben schon vorab den Ausnahmezustand ausgerufen. Ich hielt es für übertrieben. Meine Frau arbeitet im Krankenhaus und ist im Einsatz. Kurz vor sieben ruft sie an. Geht’s Euch gut? Wir sind gerade auf dem Heimweg. Alles bestens, wieso? Schon elf Tote, weiß sie zu berichten. Schwerverletzte. Massenpanik. Die schlimmsten Befürchtungen werden wahr.

Ich komme nach hause. Grausige Berichte im Internet. Jetzt schon 14 Tote, kurz darauf 15. Die Party geht weiter, um die Panik nicht noch weiter zu schüren. Rettungswagen aus ganz NRW auf dem Weg nach Duisburg. Überforderte Helfer, hilflose Polizei. Auf Facebook und RP online melden sich die Stimmen zu Wort, die es von von Anfang an haben kommen sehen. Andere natürlich auch.

Ich wollte ganz nah dran sein. Die Parade der Liebe irgendwie in den Tag des Lebens einbringen. So schnell kann’s gehen. Die Parade der Liebe wird zum dunklen Fleck im Tag des Lebens. Sicher, gestorben wird überall. Im Irak, Afghanistan, den Bergwerken von China und Russland, den Krisenherden in Afrika – überall dort ist es Alltag. Aber hier gehört das nicht hin. Unbeschwert sollte sie ablaufen, die größte Party der Welt. Und für die Sponsoren sollte sie sich rechnen. In deren Haut möchte ich jetzt auch nicht stecken.

Die Frage nach dem Überleben der Loveparade werden die Medien wohl in den nächsten Tagen aufbringen. Tage, in denen Duisburg wohl noch im Schockzustand verharrt. Ebenso wie die vielen Menschen, die vor Ort waren. Wie die Angehörigen der Toten. Wie all jene, die zu nah dran waren, um es schon bald irgendwie fassen zu können.