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Jingle Bells

…zum dritten Advent

(Quelle: Hans Heindl  / pixelio.de)

(Quelle: Hans Heindl / pixelio.de)

Eigentlich nervt sie ja, die ganze Advents- und Weihnachtswerbung. Tierisch. Und eigentlich ist das eh alles viel zu amerikanisch geworden. Wirklich. Aber dieser Spot des amerikanischen Herrenausstatters Brooks Brothers ist wirklich tierisch süß. Und ganz ohne “Ho Ho Hoooh”. Nebenbei erfahren wir, dass dieser amerikanische Weihnachtsklassiker aus dem Jahr 1857 stammt – und dass es den traditionsreichen Herrenausstatter schon viel länger gibt. Nämlich seit 1818.

Elfter September

Der elfte September. Kein Tag wie jeder andere – nie wieder. Ein Trauma. Vor zehn Jahren ist es passiert. Das zweite mal in ihrer Geschichte wurden die USA auf ihrem eigenen Territorium angegriffen. Mit verheerenden Folgen für Tausende von Menschen, für New York, die USA und die ganze Welt.

Die Anschläge auf das World Trade Center und das Pentagon haben tiefe Spuren in der kollektiven Erinnerung der westlichen Gesellschaften hinterlassen. Irgendwie wissen heute noch alle, die es schon bewusst erlebt haben, was sie an diesem Tag gemacht haben.

Meine Frau und ich waren auf einer Bergwanderung in über 3000 Meter Hohe als es passierte, fernab vom Nachrichtengetöse. Abends zurück im Hotel merkte man sofort, dass etwas nicht stimmt. “In den USA ist etwas Schreckliches passiert. Ein kleiner Krieg”, sagte der Hoteldirektor. Zurück auf dem Zimmer die ersten Nachrichtenbilder. Die Flugzeuge, die in die Türme fliegen. Immer und immer wieder. Es war der letzte Abend der Saison im Hotel. Es sollte noch eine kleine Feier geben. Die fiel dann sehr bescheiden aus. Gedrückte Stimmung. Und immer wieder die Nachrichten. Die lange Heimfahrt am nächsten Tag. Schweigend. Aufgewühlt. Die Sondersendungen im Radio liefen ununterbrochen. Eine Bestandsaufnahme des Schreckens. Man wusste irgendwie, dass die Welt eine andere geworden ist.

Die Welt hat sich verändert. Wäre der 11. September nicht gewesen – wahrscheinlich gäbe es keinen blutigen Krieg auf verlorenem Posten in Afghanistan, keine Diskussion über Vorratsdatenspeicherung, keine Fluggastdatenspeicherung, Körperscanner und vieles mehr. Innenminister dürften alles essen, aber nicht alles wissen. In den westlichen Demokratien ist ein erbitterter Kampf um Freiheitsrechte ausgebrochen, der in dieser Form zuvor undenkbar gewesen wäre. Und mehr als je zuvor kooperieren sie mit finsteren Diktatoren und stützen sie, wenn sie nur im “Krieg gegen den Terror” auf der richtigen Seite stehen.

Auch sonst hat sich die Welt verändert. Das Internet war vor zehn Jahren noch nicht so weit wie heute, die Nutzung auch nicht. Damals waren es vor allem noch die klassischen Medien – Radio, TV, Nachrichtenportale im Web 1.0 und die gute alte Zeitung, die uns die Agenturmeldungen, Nachrichten, Texte, Bilder und Töne lieferten. Mit den heutigen Möglichkeiten würden sie in Gedankenschnelle über Twitter, Facebook, Youtube und Flickr jeden entlegenen Winkel der vernetzten Welt erreichen.

Möge Gott, Allah oder wer auch immer uns davor bewahren, dass sich solche Breaking News jemals über das Netz verbreiten werden.

Auf Treu und Glauben…

Zwei mal durfte sich der aufgeklärte Konsument moderner Massenmedien heute kräftig die Augen reiben. Noch vor den 6-Uhr-Nachrichten die Eilmeldung auf Spiegel Online: Osama Bin Laden ist tot. Der pakistanische Geheimdienst hat bereits bestätigt. US-Präsident Barack Obama wird gleich Einzelheiten bekannt geben. Dann die Ansprache des Präsidenten kurz vor Mitternacht Ortszeit, Washington. Der Medienrummel bricht los. Bin Laden, Twin Towers, Irak, Afghanistan, Bin Laden, Pakistan, Bin Laden – das Archivmaterial der letzten zehn Jahre wird noch einmal so richtig durchgenudelt. Erleichterte Politiker, jubelnde Menschen. Immerhin finden sich vereinzelt Kommentare, die vorsichtigere Töne anschlagen. Alles in allem ist aber Partystimmung. Vor allem beim US-Präsidenten, der  jetzt  allen gezeigt hat, dass er kein Weichei ist. Kaum zwölf Stunden später wieder Augenreiben. 19:00 Uhr, Nachrichten: Die Leiche von Bin Laden wurde im Meer versenkt.

Wie bitte??? Zehn Jahre lang wurde der Mann gejagt. Die halbe Welt ist im Krieg gegen den Terror, dessen Gesicht er war. Und jetzt? Kopfschuss. Treffer. Jubel. Versenkt. Die Begründung klingt ein bisschen nach Guantanamo: Angeblich sei es schwierig gewesen, ein Land zu finden, das den Leichnam aufnehmen will. Wo das doch schon mit unschuldigen lebenden Terrorverdächtigen so schwer ist.

Ein klingonisches Sprichwort sagt bekanntlich: „Rache ist ein Gericht, das am besten kalt serviert wird“. Doch scheinbar hatten die USA Angst, dass ihnen diesmal die Brocken im Halse stecken bleiben. Bin Laden ist also baden gegangen. Keine sterblichen Überreste, mit denen sich irgend etwas beweisen ließe. Wozu auch? Man wird uns doch nichts vormachen, oder? Wikipedia lehrt uns: „Treu und Glauben ist ein Begriff der Rechtswissenschaft und bezeichnet das Verhalten eines redlich und anständig handelnden Menschen.“

Während also die Menschen und Medien in USA und anderswo auf Treu und Glauben weiter feiern, mögen manche sich vielleicht so ihre Gedanken machen. Auch ein Beitrag auf „The Intelligence“ regt zum Nachdenken an. Es lohnt sich, mal reinzuschauen: Viagra, Bin Laden und Ian Flemming

P.S.: Auf gefälschte Bin Laden Bilder wird in diesem Beitrag bewusst verzichtet…

Vorfreude ist die schönste Freude

Nur noch anderthalb Jahre! Dann ist Präsidentenwahl in den USA. Einer läuft sich schon mal warm. Obama versammelt seine Fans um sich und startet in den Wahlkampf. Und alle dürfen mitmachen. Die Medienmaschine im Web rollt langsam an. Der Titel des Lauch-Videos: “It Begins with Us”.

Die Homepage verbreitet Aufbruchstimmung. Da heißt es zupackend: “This campaign is just kicking off. We’re opening up offices, unpacking boxes, and starting a conversation with supporters like you to help shape our path to victory. 2012 begins now, and this is where you say you’re in.”

2012 beginnt also jetzt. Vorfreude ist eben die schönste Freude. Good Luck. Mr. President!

Holländische Gardinen

In manchen Gegenden der Niederlande ist ein Phänomen anzutreffen, das Besucher aus Deutschland mitunter irritiert, häufig aber neugierig macht. Wer beispielsweise durch die Straßen von Utrecht wandelt, trifft dort blankgeputzte Fenster an, die einen gardinenfreien Blick in das Privatleben der Hausbewohner gewähren. Gläserne Bewohner praktisch. Die Botschaft: Hier wohnt jemand, der nichts zu verbergen hat.

Vielleicht ist das der größte kulturelle Unterschied zu uns Deutschen, bei denen die Privatsphäre (noch) einen sehr hohen Stellenwert genießt. Die Titelgeschichte im Spiegel von dieser Woche “Im Netz der Späher” geht am Rande auf dieses Phänomen ein. Der Beitrag analysiert die Methoden, derer sich in erster Linie die US-Amerikanischen Internetgiganten, aber auch zahlreiche Werbevermarkter bedienen, um die “Bewohner” des Internets zu durchleuchten, gläsern zu machen. Während dies in der deutschen Öffentlichkeit immer wieder zu weitgehend folgenloser Empörung führt, stört sich in den USA kaum jemand daran. Und auch die Netzgemeinde in Deutschland findet nichts dabei. Reflexartig fällt sie demzufolge auch über den Autor Manfred Dworschak, der in seinem gut recherchierten Beitrag auf polemische Zuspitzungen eigentlich weitgehend verzichtet, her. Das ist symptomatisch. Längst ist ein Kulturkampf um das Netz entbrannt, in dem harte Bandagen zum festen Repertoire gehören. Nicht immer gibt die Netzgemeinde ein gutes Bild ab. Und natürlich brechen auch Politiker gerne Debatten vom Zaun, die ihnen viel Publicity bescheren, ohne dass es am Ende wirkliche Konsequenzen gibt. Sicher ist es aber auf beiden Seiten des digitalen Grabens vielen sehr ernst mit ihrem Anliegen. Und beide können gute Argumente ins Feld führen.

Im Kern zeigt sich aber, dass im Netz ein Kampf zwischen zwei grundverschiedenen Kulturen tobt. Der mitteleuropäisch geprägten, auf Privatsphäre bedachten, in der gerade die Deutschen aufgrund von Erfahrungen ihrer jüngeren Geschichte zu besonderer Vorsicht neigen. Auf der anderen Seite die US-Amerikanisch geprägte, in der Daten zur Ware werden und sich scheinbar niemand daran stört, detaillierte persönliche Informationen der Netzwelt transparent zu machen, vor allem aber den Datenhunger der großen Konzerne zu stillen.

Wo aber liegt der Ursprung dieses kulturellen Grabens? Und warum wird so heftig gestritten? Vielleicht weisen die holländischen Gardinen – die, die es nicht gibt – in die richtige Richtung. Deren Wurzeln sind nämlich im Calvinismus, der bis heute in Holland sehr dominant ist, zu suchen. Seine Ich-habe-nichts-zu-verbergen-Mentalität ist eng verwandt mit der des amerikanischen Puritanismus. Das Phänomen ist also vielleicht um Jahrhunderte älter als das Netz.

Ebenso interessant wie erschreckend mag es sein, dass einige der digitalen Puritaner des Internets eine ähnliche Rhetorik pflegen wie die amerikanischen Evangelikalen, wenn diese sich über Andersdenkende – in der Regel sind das Demokraten – äußern. Natürlich gilt in Bezug auf beide – Netzgemeinde und wahrscheinlich auch die Evangelikalen – dass in erster Linie die gehört werden, die am lautesten schreien. Die vielen besonnenen Stimmen gehen in den hitzig geführten Debatten leider allzu leicht unter. Trotzdem, gewisse Parallelen lassen sich erkennen.

Bemerkenswert ist allerdings, wie das puritanische Amerika auf Wikileaks reagiert. Julian Assange, der die Kultur der Transparenz im Netz bis zur letzten Konsequenz zu Ende führt, wird zum Staatsfeind Nummer 1. Ist das eine Doppelmoral? Ist Transparenz vielleicht doch nur dann angebracht, wenn sie sich in harte Dollars ummünzen lässt? Oder gibt es schlichtweg Dinge, die auch für das puritanische Amerika besser im Verborgenen stattfinden?