Die meisten Sterne sind längst tot


Begegnung mit van Gozer Art

Ortstermin in Berlin Prenzlauer Berg. Zu Besuch bei van Gozer Art. Claudita öffnet. Claudita van Gozer. Ihr Künstlername. Eigentlich heißt sie Claudia. Claudita ist Spanisch. Die verniedlichte Form von Claudia. Sie steht auf den aus den Niederlanden stammenden Gabber Lifestyle. Der Nachname sollte Niederländisch klingen. Das liebt sie. Van Gozer, das passt. Klingt schön Niederländisch. Und irgendwie nach Gabber.

vangozer

Claudita und Justus sind van Gozer Art

Justus ist ganz in seinem Element. Justus van Leuuwen. Der Name ist echt. Er ist in Amsterdam geboren. Jetzt baut er Bilderrahmen in Berlin. Sagt kurz „Hi“ und lässt sich nicht groß stören beim Rahmen. Die beiden leben in Symbiose. In der Kunst und auch im Alltag. Van Gozer Art ist ein Gesamtkunstwerk. Bilder. Rahmen. Lebenskunst.

Großzügig geschnitten ist die Altbauwohnung. Die Miete sei immer noch okay, sagt Claudita. Staffelmiete. Mal sehen, wie lange es noch geht. Die nächsten drei Jahre sollten kein Problem sein.

Mit Stullenaugen fing es an

Schon immer habe sie das Visuelle fasziniert, berichtet Claudita. Als Kind hat sie Stullenaugen gemacht. Mit dem Essen gespielt. Oder ihre ersten Gehversuche in der Kunst, rückwirkend betrachtet. Später eine Ausbildung zur Grafikdesignerin. Anschließend Kulturwissenschaften an der Viadrina. Erasmusjahr. Prag. Schon wären ihres Studiums verdiente sie sich mit Auftragsarbeiten etwas dazu.

Nach dem Studium verschiedene Jobs in Agenturen. Ein bisschen Design. Online-Redaktion. Technische Redakteurin. Bürojob bei einer Versicherung: Briefe öffnen, Kaffee kochen, Sachen Stempeln. Dann ein Angebot: Schadensachbearbeitung. Statistik. Ein ganz normales Leben ist zum Greifen nahe. „Ick hab denen jesagt, dit ick dit janz klasse finde. Aber Mathe war noch nie mein Ding, neeh. Lass ma.“ Dann doch lieber (Lebens-)Künstlerin.

stullenauge

Stullenaugen: Spezialität von Claudita

 

„Mutig“ und „ehrlich“ nennt der Arbeitgeber ihre Entscheidung. Es ist nicht nur die Entscheidung gegen einen Job. Es ist das Bekenntnis zu einem Lebensstil.

Jetzt wird nur noch halbtags gearbeitet. So kommt ein bisschen was rein, und es bleibt ausreichend Zeit für die Kunst. „Dit jeht nur in Ballin“, sagt Claudita und strahlt. Menschen wie sie wachsen und gedeihen in diesem Biotop prächtig.

Jobben für Miete und ein bisschen Biergeld

Auch Justus arbeitet halbtags. „Der Job reicht für die Miete und für ein bisschen Biergeld“, sagt er. Einen großen Teil seiner freien Zeit verbringt er in einer Werkstatt am Berliner Ostkreuz. Hier fertigt er Bilderrahmen für seine gemeinsamen Projekte mit Claudita.

150 Quadratmeter Fläche hat er hier seit Kurzem. Anfangs arbeitete er ganz puristisch nur mit seinen Händen und einfachem Werkzeug. Mittlerweile sind kleine Maschinen dazu gekommen. Feinere Schnittkanten, 45-Grad-Winkel, alles das geht jetzt auch. Dennoch wirken die Rahmen ursprünglich, archaisch.

Mit einer Dachstuhlsanierung fing alles an. Totalabriss. Was denn jetzt mit dem Holz passiere, wollte Justus wissen. Es soll verbrannt werden. Justus kann das nicht akzeptieren. Kurzerhand lagert er das Altholz in seinem Keller ein.

justus

Werkstatt

Was machen mit all dem Holz? Nach einer Weile kommt ihm die Idee: Bilderrahmen. Aus Altholz. Hochwertig aufgearbeitet. Upcycling nennt er das. Er macht sich an die Arbeit und entwickelt eigene Techniken. Claudita wird seine erste Auftraggeberin.

Anfangs war es ein Experiment. Dann wurde es zum Hobby. Eine Leidenschaft ist es sowieso längst. Jetzt kann noch mehr draus werden. Justus und Claudita sind auf dem Sprung. Ihr gemeinsames Projekt: van Gozer Art.

Symbiose von Holz und Leinwand

Van Gozer Art – das ist eine Symbiose. Die Symbiose von zwei Menschen. Die Symbiose aus Holz und Leinwand. Bild und Rahmen bilden einen Einheit, machen zusammen das Kunstwerk aus.

Clauditas Kopf ist voller Bilder. Eindrücke brennen sich ein. Sie hat ein fotografisches Gedächtnis. Plötzlich hat sie ein Bild vor Augen. Oft gerade vor dem Einschlafen. Es bleibt.

Später malt sie. Impulsiv. Ohne Skizze. Ohne festen Plan. Nur mit dem Bild im Kopf. Mit viel Farbe. Und breitem Pinsel. Übermalt. Verdünnt. Zieht Konturen. Schärft nach. Bis es passt.

ikone

Ikone

Passend zum Bild schafft Justus den Rahmen. Maßanfertigung. Niemals von der Stange. Aus altem Holz entsteht das Zuhause für das Bild auf der Leinwand. Aus Dachbalken. Aus Schranktüren. Mal matt, spröde. Mal auf Hochglanz lackiert. Nie beliebig. Immer etwas unregelmäßig. Voller Überraschungen.

Justus kauft kein Material. Niemals. Er findet es. Nicht nur Holz. Auch Glas gibt es überall genug, sagt Justus, und: „Ich rette das Holz vor dem Verbrennen!“ Es ist ihm anzumerken, dass er das ernst meint. Seine Werkstatt: Ein Zufluchtsort für Altholz.

Musiker

Clauditas Bilder sind vielfältig. Mittelalterlich-moderne Ikonen. Allegorien. Porträts. Öl. Acryl. Großflächig. 2007 malt sie einen alten Mann. Die Erkenntnis: Es ist einfacher, alte Menschen zu malen als junge. Sie haben die charakteristischen, markanten Züge, die sie in ein junges Gesicht erst hinein interpretieren muss.

iggy

Iggy Pop

2016 malt sie ihren ersten Musiker. Iggy Pop. Es entsteht ein atemberaubendes Porträt. Als wären die Furchen seines Gesichts, seine abgemagerten Rippen der einzige Grund, warum sie jemals zum Pinsel gegriffen hat. Das Bild sprüht vor wilder, ungezügelter Energie. Kraft. Leben. Raw Power. Lust for Life. Es schreit nach Aufmerksamkeit. Es ist der Godfather of Punk. Es ist Iggy Pop!

 

Musiker. Eine neues Betätigungsfeld. Es passt zu der musikbgeisterten Claudita. Schnell kommen weitere dazu: Screemin‘ Jay Hawkins. Bob Dylan. Amy Winehouse. David Bowie. Freddy Mercury. Nacheinander nimmt sie sich ihre Idole vor. Schaut ihnen in die Seele. Erspürt sie. Ermalt sie.

Zum Beispiel Amy. „Ich wollte sie in ihrer ganzen Zerissenheit darstellen. In ihrer Verletzlichkeit. Aber in ihrer Schönheit. Nicht den Menschen, der sich vor laufenden Fernsehkameras zugrunde richtet. Die Stimme. Die Poetin. Die Amy, die wir so lieben.“ Wenn Claudita über ihre Idole spricht, ist sie ihnen ganz nahe.

Zweckpessimismus

Claudita und Justus sind politische Menschen. Nachhaltigkeit ist beiden wichtig. Darum wirft Justus nichts weg und rettet Holz vor dem Verbrennen. „Ich glaube, wir sind die letzte Generation, die noch bedenkenlos den Wasserhahn aufdrehen kann“, sagt Claudita. Sie ist entsetzt, wie gedankenlos wir die Ressourcen des Planeten verschleudern. Beide schwimmen gegen den Strom. Setzen Zeichen. Übernehmen Verantwortung.

„Zweckpessimistin“ sei sie, sagt Claudita. Ihre Interessen sind vielfältig. „Haste Dich mal mit Astrophysik beschäftigt?“, fragt sie. „Die meisten Sterne, die wir sehen, sind längst tot. Es ist nur noch ihr Licht, das bei uns ankommt. Auch die Erde wird sterben“, sagt sie. Und findet trotzdem, dass wir Menschen diesen Prozess verdammt nochmal nicht beschleunigen sollten.

roboter

Die Zukunft?

Für ihre politischen Botschaften hat sie gerade erst eine neue Ausdrucksform gefunden: Linoldrucke. Schwarz/Weiß. Prägnant. Ohne Zwischentöne. Das erste Werk: Ein Roboter. Vielleicht nehmen er und seine Buddies bald den Platz der Menschen ein. So wie die Maschinen bei Terminator. Das Bild erschien ihr mal wieder kurz vorm Einschlafen. Am nächsten Morgen grub sie es in weiches Linoleum.

Auf dem Kunstmarkt

Was ist van Gozer Art? Ein Hobby? Eine Spielwiese? Ein Traum? Eine Berufung?

Im Herbst 2016 wagen sich die beiden auf den Kunstmarkt. Buchstäblich. In Berlin. Hinter dem Zeughaus. Der Anziehungspunkt: Iggy Pop. Auch ein vorbei schlendernder Blogger ist elektrisiert. Iggy wirkt in seinem Rahmen. Eindeutig ein Gesamtkunstwerk. Und der handwerklich hoffnungslose Kopfarbeiter braucht nur einen Nagel, um ihn aufzuhängen.

„Dit Spannendste war zu sehen, wie die Leute reagieren“, sagt Claudita. Natürlich polarisiert ihre Kunst. Viel Zustimmung, ja. Und offene, krasse Ablehnung. Ausgestreckte Zeigefinger. Dann immer wieder: „Hey, guck mal. Iggy Pop!“ Die Fans mögen, was sie sehen.

gabber

Gabber

Zum ersten mal erfährt Claudita, wie ihre Kunst auf ein breites Publikum wirkt. Ihr gefallen die heftigen Reaktionen. Und sie gefällt sich wohl auch in der Rolle der Künstlerin. Justus bereitet ihr die Bühne.

Die beiden sind um eine Erfahrung reicher. Jetzt stehen sie vor einer Entscheidung. Weiter machen wie bisher? Ein Hobby? Ein Traum? Oder raus aus der Nische, raus auf den Kunstmarkt? Der Berufung folgen. Alles geben für die Sache, für die sie so leidenschaftlich brennen?

Provozieren. Denkanstöße geben. Aus der Deckung kommen…

Aus dem Hobby ein Startup machen? Auf dem Kunstmarkt Fuß fassen? Step byStep? Wo, wenn nicht in Berlin? Drücken wir den beiden die Daumen!

Mehr Infos über Van Gozer Art gibt es auf Facebook @vangozerart oder auf vangozerart.com. Kontakt: vangozerart@gmail.com.

Alle Bilder und Bildrechte: van Gozer Art / Claudita van Gozer

 

 

 

Eine Antwort zu “Die meisten Sterne sind längst tot

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