Zitate aus dem Bildungssimulator


Angeblich leben wir ja in einer Wissensgesellschaft. Und tatsächlich haben wir mit dem Internet den Zugriff auf das Wissen der Welt. Aber das Internet ist auch Sammelbecken für alle Dummheit dieser Welt. Bildung bedeutet, zwischen beidem unterscheiden zu können. Darum sind Zitate aus dem Internet mit größter Vorsicht zu genießen.

Wollte der Bildungsbürger des 19. oder 20. Jahrhunderts seinen eigenen Worten Gewicht verleihen, hat er sie gerne mit einem Zitat gekrönt. Die Art und Weise mag man heute belächeln. Dank moderner Vortrags- und Präsentationstechniken können wir mittlerweile weit unterhaltsamer präsentieren – in Wort, Bild, und Schrift. Was der belächelte Bildungsbürger den meisten von uns heute allerdings voraus hatte, war die Bildung. Er wusste meist, aus welchem Kontext das Zitat stammte, kannte den literarischen, politischen oder historischen Hintergrund und die Quelle. Wahrscheinlich verfügte der durchschnittliche Realschüler der sechziger oder siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts über mehr Bildung im klassischen Sinne als so mancher formal gut ausgebildete Internetnutzer unserer Zeit.

Heute ist es Mode, sich irgendeinen Spruch zusammen zu googeln, der die eigene Meinung unterstreicht und einem mehr oder weniger bekannten Namen zugeordnet wird. Darum ist das Internet voll von hirnlosen, falsch zugeordneten oder fehlerhaften Zitaten – und alle schreiben munter voneinander ab. Nicht immer ist das so offensichtlich wie in Marc-Uwe Klings Känguru Chroniken. Dort machen sich der Erzähler und das Känguru einen Spaß daraus, Zitate falsch zuzuordnen. Kostprobe:

Frage nicht, was dein Land für dich tun kann, frag was du für dein Land tun kannst
– Silvio Berlusconi

Natürlich wissen wir alle, dass dieses Zitat von John F. Kennedy stammt. Es steht schließlich tausendfach im Internet. Mit Bild von Kennedy. Als Meme. Ganz seriös. Dem Lexikon der populären Irrtümer ist allerdings zu entnehmen, dass Kennedy selbst einen seiner Amtsvorgänger oder einen US-Bundesrichter in abgewandelter Form zitiert hat. Andere Quellen benennen weitere Urheber – bis hin zu einem früheren Schulleiter Kennedys. Es ist also so eine Sache mit diesen Zitaten…

Das Blog Zitaterätsel listet aktuell über 200 falsch zugeordnete oder falsch wiedergegebene – meist sehr populäre – Zitate aus dem Internet. Kostprobe?

„Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.“

Angeblich stammt der Ausspruch von Mahatma Gandhi. Geistige Größen wie Donald Trump, Hillary Clinton und Sarah Palin haben ihn schon zitiert – auch deren Redenschreiber simulieren Bildung durch Abschreiben aus dem Internet. Tatsächlich hat ihn Zitaterätsel zufolge der US-amerikanische Gewerkschafter Nicholas Klein geprägt.

„Wenn ein unordentlicher Schreibtisch einen unordentlichen Geist repräsentiert, was repräsentiert dann ein leerer Schreibtisch?“

Kreative und andere Messies schreiben das Zitat gerne Albert Einstein zu. Zitaterätsel deckt auf: Es ist nirgendwo belegt, dass Einstein das jemals gesagt oder geschrieben hat.

Einstein, Mandela, Bismarck, Brecht, Nietzsche, Tucholsky – alle mussten sie schon herhalten für den großen Bildungssimulator. Die Zitate werden übrigens meist nicht besser, wenn sie einem Zitateportal entnommen sind. Wirklich verlässlich (das sollten alle schon in der Schule gelernt haben) sind sie nur bei genauer Quellenangabe – und die fehlt in den meisten Fällen.

Simulierte Bildung ist Mist. Sie hat in unserer Kommunikation nichts zu suchen. Gute Kommunikation hat nichts mit Abschreiben zu tun. Wer zitiert, sollte einen Bezug zu dem Text haben, den Kontext und die genaue Quelle kennen und auch benennen können. Das gilt für gute Reden, gute Texte und gute Präsentationen. Und erst recht, wenn es auf ewig im Internet stehen soll. Alles andere ist Schaumschlägerei.

Wie soll schon Leonardo da Vinci gesagt haben? „Das Dumme an Zitaten aus dem Internet ist, das man nie weiß, ob sie wahr sind…“ Recht hat er, das alte Genie!

Ursprünglich veröffentlicht in „Gute Nachrichten – Newsletter für gute Kommunikation“. Der Newsletter erscheint jeden Monat zum 13. und kann hier abonniert werden.

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