Wie funktionieren eigentlich gute Büttenreden?


Vor einer Weile hatte ich das Vergnügen, mich mit einem waschechten Karnevalisten über Büttenreden auszutauschen. Sebastian Poggel ist (noch) amtierender Karnevalsprinz in Finnentrop-Rönkhausen. Der Karneval wurde ihm in die Wiege gelegt. Seine Eltern sind begeisterte Karnevalisten und seine honorige karnevalistische Vita beginnt 2006 als Kinderprinz. Als Kommandant der Tanzgarde steht er seit Jahren auf der Bühne. Und während er backstage auf das Signal zum Einmarsch wartet, beobachtet er durch den Vorhang das Geschehen und die Auftritte der Büttenredner. Exklusiv berichtet er über seine Beobachtungen und erklärt, worauf es bei guten Büttenreden ankommt. Nicht nur für Karnevalisten aufschlussreich.

 Natürlich sind Büttenreden längst keine Männersache mehr und waren es wahrscheinlich nie. Der Einfachheit halber sind mit „Büttenredner“ auch Damen mit spitzer Zunge und Feder gemeint. Den sperrigen Gender-neutralen Begriff „Büttenredende“ wollen wir uns doch sicher ersparen, ja? Es ist doch schließlich Karneval…

Am Anfang war das Dorf

Was ist eigentlich der Ursprung der Büttenrede? Dorfklatsch! Zumindest auf dem Land. Früher haben Büttenredner zur Karnevalszeit den ganzen Klatsch und Tratsch aus dem Dorfgeschehen aufs Korn genommen, erzählt Sebastian. Zu einem großen Teil geschieht das heute noch. Hier im Sauerland gibt es sogar Büttenredner, die sich ausgiebig über die Geschichten aus ihren Nachbardörfern informieren, bevor sie dort auftreten.

Und irgendwie ist es ja auch immer noch der Klatsch und Tratsch, der die Leute bewegt, wenn sie über Stars, Sternchen, Politiker und Promis herziehen. Über andere zu lachen ist eben immer eine sichere Bank.

Gute Büttenredner stellen sich auf das Publikum ein

Ganz entscheidend ist es für Sebastian, dass Büttenredner sich auf ihr Publikum einstellen. Am einfachsten ist es noch, wenn die Redner vor vollem Saal mit Leuten auftreten, die viel dafür bezahlt haben. Abseits der ganz großen Termine des Sitzungskarnevals kann die Ausgangslage ganz anders sein. Man trifft sich, man sieht sich und man will sich etwas erzählen. Da ist die Kunst des Büttenredners gefordert, um die Aufmerksamkeit des Publikums zu erregen. Das heißt: Kein Standardprogramm, sondern erstmal Kontakt mit dem Publikum aufbauen.

Provokation und Publikumsschelte sind erlaubt. Ein Virtuose in dieser Kunst ist für Sebastian „Dä Blötschkopp“, Marc Metzger. Und wenn das Publikum so gar nicht mitziehen will, kann es auch das Beste sein, zu gehen. Die Gage ist trotzdem fällig.

Zeigen wo der Hammer hängt

Büttenredner treten oft unter Künstlernamen auf und häufig repräsentieren sie Kunstfiguren. Namen wie Et Botterblömsche, Dä Blötschkopp, Ne Bergische Jung, Hedwich vom Himmelsberg oder En twersen Lümmel sind Programm und Markenversprechen zugleich. Eine derartige Positionierung erlaubt praktisch alles, was die Rolle hergibt. Die Kunst ist für Sebastian, die Rolle auszufüllen und im Zweifelsfall allen anderen zu zeigen, wo der Hammer hängt.

Es beginnt beim Moderator. Eine Anmoderation wie „Und jetzt kommt unser nächster Büttenredner…“ kann so nicht stehen bleiben. Da darf der Moderator ruhig ein bisschen hochgenommen werden. Auch die Musik hat sich der Rolle und dem Redner anzupassen. „Sagt mal seid Ihr ne Tanzkapelle?“ soll ein Redner einmal gesagt haben, als der Tusch etwas länger ausfiel. „Klare Ansagen sind wichtig“, sagt Sebastian. „Man muss den Leuten zeigen, wo der Hammer hängt“.

Mit Musik geht alles besser

Mit Musik geht bekanntlich alles besser, und das gilt auch für Büttenreden, sagt Sebastian. Eine Mischung aus Wortbeiträgen und musikalischer Begleitung lässt die Leute besser folgen. Die Künstler haben es oft leichter. Bernd Stelter ist für Sebastian ein gutes Beispiel. Und auch er selbst hat bei seiner Antrittsrede als Prinz zur Gitarre gegriffen.

Aus dem Vollen schöpfen

Nicht jeder Witz kommt gleich beim Publikum an. Und was in dem einen Saal für ausgelassenes Gelächter sorgt, geht auf einer anderen Sitzung unter. Sebastian hat das schon oft erlebt. „Dann darfst du nicht auf dem einen Witz herumreiten. Besser ist, Du hast noch 200 andere im Köcher“. Aus seinen Beobachtungen hat er gelernt: Nichts ist peinlicher als ein Büttenredner der verzweifelt versucht dem Publikum zu erklären, dass er gerade einen Witz gemacht hat.

Auch hier gilt: Profis fackeln ein wahres Feuerwerk ab, bis ihr Witz und Charme beim Publikum zündet. Aber wenn der Funke einfach nicht überspringen will, ist es vielleicht wirklich Zeit zu gehen.

Grenzen des Humors

Humor hat Grenzen. Selbst im Karneval. Aber die dürfen großzügig ausgelegt werden. Die Gürtellinie ist definitiv keine Grenze. „Gürtellinie ist okay“, sagt Sebastian. Das gilt nicht nur für schlüpfrige Herrensitzungen. Gerade im Karneval dürfen auch die Damen mal ordentlich austeilen und die Attribute männlicher Herrlichkeit humorvollen Betrachtungen unterziehen.

Rassismus wird nicht toleriert, sagt Sebastian. Auch nicht im Karneval, denn das hat mit Humor nichts zu tun. Natürlich dürfen bestimmte Nationalitäten, Regionen oder sogar Minderheiten aufs Korn genommen werden. „Aber immer ausgewogen und augenzwinkernd“, sagt unser Karnevalist. Die Grenzen des guten Geschmacks bleiben bestehen, und niemand darf sich am Ende verletzt oder diskriminiert fühlen.

Die richtige Länge

20 Minuten – das ist für Sebastian die richtige Länge für eine gute Büttenrede. Sie erlaubt es, mit dem Publikum warm zu werden, zur Sache zu kommen und rechtzeitig wieder abzutreten. Wenn die Zeit es erlaubt und das Publikum mitgeht, darf es aber auch ruhig etwas länger werden. Gute Büttenredner sind bei guter Stimmung kaum zu bremsen, und das Publikum wird sie dafür feiern. Eine halbe Stunde sollte aber in den meisten Fällen ausreichen.

So viel für heute zu guten Büttenreden. Alaaf, Helau und Kattfiller!

Ein herzliches Dankeschön an Sebastian Poggel für seinen wertvollen Input. Er empfiehlt uns noch einen kurzen Clip von Marc Metzger. Der illustriert sehr schön einiges von dem, was hier gesagt wurde:

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