Tschüss, Ü-Wagen


(Quelle: WDR)

Drei Radioformate sind mir seit meiner Kindheit in Erinnerung: Die Nachrichten, das Zeitzeichen und „Hallo Ü-Wagen“. Nachrichten gibt es bis heute auf jeder Welle, die letzteren beiden Sendungen fristen derzeit noch ein werbefreies Dasein auf WDR 5. Noch. Der WDR will den Ü-Wagen einstellen. Richtig so, kann man hier und da lesen. Ein Format, das es seit 1974 gibt, ist einfach total veraltet.

Blödsinn. Der Ü-Wagen ist jung und frisch wie eh und je. Das liegt vor allem an Moderatorin Julitta Münch. Mit ihrer Moderation stellt sie viele der TV-Talker, bei denen irgendwann nur noch wild durcheinander geredet wird, in den Schatten. Die Neugier schwingt geradezu in ihrer Stimme. Jede Frage scheint aus aufrichtigem Interesse zu kommen. Alle kommen zu Wort. Julitta Münch hat die Runde immer im Griff. Fast zumindest. Ich erinnere mich an eine Sendung, in der die überwiegend weiblichen TeilnehmerInnen die Haare dann doch in sehr dichten Büscheln auf den Zähnen hatten und offensichtlich nur ihre eigene Meinung vor sich her tragen wollten. Da kam auch Frau Münch nicht gegen an. Aber das sind Ausnahmen.

Der Ü-Wagen hat keine Angst vor delikaten Themen und fasst auch heiße Eisen an. Das Format ist jung geblieben: Diskutiert wird nicht nur in den Innenstädten vor Ort. Die Hörer können sich auch per E-Mail einbringen oder das Gästebuch des Ü-Wagens nutzen.

Für mich ist der Ü-Wagen ein Stück Medienkultur. Öffentlich rechtlicher Rundfunk pur. In Zeiten von Web 2.0 und Bürgerjournalismus ist es eigentlich unverständlich, warum die Sendung eingestellt werden soll. Vielleicht sind die Leute es ja tatsächlich Leid nach all den Jahren.

Aber der Ü-Wagen ist auch unbequem. Nicht alles, was da diskutiert wird, dürfte der Landespolitik schmecken. Und leider, leider erinnern wir uns noch an den Fall Nikolaus Brender, der im Kochduell beim ZDF unterlegen war und seinen Hut nehmen musste. Hat die Politik ihre Finger im Spiel? Ein böser Verdacht. Es ist nur ein Gedanke , noch nicht mal ein Gerücht. Und sicher ganz und gar unbegründet. Hoffentlich. Bis vor ein paar Monaten wäre sicher kaum jemand auf so eine Idee verfallen…

3 Antworten zu “Tschüss, Ü-Wagen

  1. @Kanzlerblog: Klar es sind die Kosten, was denn sonst. Die laufen ja auch ständig aus dem Ruder und man kann da aber auch gar nichts dran ändern! Vielleicht sollte man einmal auf die Suche gehen, was sich an „Synergien“ ergibt. Ich hätte bereits einen Vorschlag. Vielleicht bei den zugelieferten Informationen einsparen, Wetterprognose etwa. Ich habe nämlich die Erfahrung gemacht, dass sich die Vorhersagen zur Temperatur meiner Heimatstadt beispielsweise zwischen der Aktuellen Stunde und der Lokalzeit unterscheiden. Vermutlich haben sich stets in der knappen halben Stunde die Messwerte verändert oder wie? Und ein- oder zweimal Okay, aber ständig unterschiedliche Angaben. Beispiel gefällig: Tageshöchsttemperatur heute 9 Grad Celsius oder 11 Grad Celsius -20 Prozent Differenz ist doch gar nichts! Da drängt sich dem geneigten Betrachter doch der Verdacht auf, dass für die Prognose zwei unterschiedliche Dienste in Anspruch genommen werden. Aber der WDR muss dafür sicherlich nicht bezahlen oder etwa doch?

    Und selbst wenn ein Sender sparen muss, warum um alles in der Welt genau dort, wo er ein Alleinstellungsmerkmal hat. Der Ü-Wagen ist ein ECHTES Qualitätsprodukt und eine wirkliche MARKE zumindest in NRW – und für diesen Teil der Welt sendet der WDR nun in allererster Linie einmal – und sollte so behandelt werden. Aber es ist eben doch eine Behörde und wenn gespart werden muss, dann zuerst einmal beim Produkt und nicht hausintern, obwohl da jede Menge Potenzial vorhanden ist.

    Und die Rundfungebühren sind selbstverständlich für die Entscheider da und nicht für die Sendungen!

  2. Selbstverständlich ist der Ü-Wagen veraltet. Allein der Titel der Sendung verrät doch bereits seine Dino-ähnliche Herkunft. Und genau darin liegt sicherlich auch die Ursache für sein „Todesurteil“. Denn was eine solche Sendung verlangt ist Zeit und Konzentration. Ein Konzept, indem der Hörer der Programmgestalter ist, lässt sich eben nicht in fünf Minuten oder den berühmten 1:30 Minuten verfrühstücken. Und das passt anscheinend nicht mehr in unsere Zeit in der die sogenannte Fähigkeit „Multitasking“ gefragt ist. Die Hörgewohnheiten und Kompetenzen haben sich schlicht und ergreifend geändert (vermutete WDR-interne Begründung: Die Leute hören heute anders als früher, sowas interessiert sie nicht mehr!).

    Das Problem , das ich allerdings erkenne, ist ein anderes. Vielleicht sind die „Zahlen“ nicht mehr so, wie sie es einmal waren, aber dass es immer noch treue und begeisterte Zuhörer / Teilnehmer gibt beweist Deine Stellungnahme. Doch das interessiert die Entscheider in den Rundfunkanstalten anscheinend nur am Rande. Hier wird jedem neuen Trend und jeder neuen Sau die durchs Dorf getrieben wird hinterhergehechelt. War da was mit einem irgendwie gearteten Auftrag für den Öffentlich-rechtlichen Rundfunk? Ach Quatsch! Die anderen (Private) machen doch was anderes und die sind ja soooo erfolgreich. Dumm nur, dass Erfolg immer nur in absoluten Zahlen – sprich Reichweite, Hörerzahlen etc. – gemessen wird und eben nicht in Qualität. Und das mit dem Auftrag, ach komm das steht doch nur auf dem Papier, welches bekanntlicherweise ja geduldig ist.

    Der SKANDAL liegt genau hier, ein überaus erfolgreriches Format, das seit Jahrzehnten die Gebührenzahler begeistert, zum Mitmachen oder Diskutieren anregt wird gekappt und höchstwahrscheinlich durch ein hochgradig innivatives Konzept ersetzt, welches sich allenfalls graduell von den bereits bekannten / gesendeten Formaten abhebt. Privat geartete Programme können andere (die Privaten) eben besser und wenn ich mir Trash reinziehen möchte, dann ist die Auswahl groß genug. Möchte ich etwas anderes, eigenständigeres dann bin ich auf Gedeih und Verderb auf einige wenige Sendungen angewiesen und die sterben langsam aus.

    Aber immerhin wissen jetzt alle Bescheid. So kann sich auch Domian bereits auf das Ende seiner Sendung einstellen, oder vielleicht doch nicht? Das ist doch das gleiche komische Konzept, ein Moderator sitzt hinterm Mikrofon und diskutiert mit den Leuten zu festen oder freien Themen über Gott und die Welt. Ist der WDR konsequent, dann muss er diese Sendung auch killen. Aber da ist wahrscheinlich die Quote (noch) zu gut.

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