Kanzlerblog

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Schlagwort-Archiv: Journalismus

Betreibt die FAZ „Kampagnenjournalismus“?

Zur Kooperation von correctiv.org und FAZ…

Da meine Privatmeinung in diesem Fall keine Privatmeinung mehr wäre, bleibt sie meine Privatmeinung. Die Bewertung überlasse ich daher gern den dazu Berufenen auf kress.de.

Keine Bilder. Keine Links. Ende der Durchsage.

Pfui Teufel, ZDF!

Liebes ZDF,

ich bin eigentlich ein Fan von öffentlich-rechtlichem Rundfunk. Ich zahle meinen Rundfunkbeitrag aus Überzeugung, auch wenn ich nicht behaupten kann, dass ich es gern tue. Ich weiß auch, dass Ihr nicht auf der Insel der Glückseligen lebt und nicht alles Gold ist, was glänzt. Aber was Ihr Euch heute gelappt habt, ist entweder völlige Unfähigkeit bei der journalistischen Recherche, oder vorsätzliche Verbrauchertäuschung.

In der zdfzeit macht Ihr heute unter dem Titel „Wie gut sind Fertiggerichte?“ einen ungleichen Wettbewerb von Fertigküche gegen selbst gekocht. Klar, auch ich nutze Fertiggerichte und tue den Teufel sie zu verteufeln. Ihr vergleicht aber Äpfel mit Birnen und zieht daraus falsche Schlüsse. Wenn es schon kein Vorsatz ist: Jeder Amateurfilmer hätte das besser hinbekommen.

Fertigkost kommt bei Euch alles in allem ganz gut weg. Vitamingehalt OK. Die Zusatzstoffe stören niemanden, erklärt der Wissenschaftlicher von einem privaten Institut. Die sind ja alle von der EU zugelassen. Ergebnis: Fertigprodukte sind in Punkto Gesundheit nicht schlechter als selbst gekocht. Ich wette, die Kunden des Institutes kommen vor allem aus der Industrie. Lasse mich gern vom Gegenteil überzeugen.

Das ist schon starker Tobak, wie das Thema Zusatzstoffe einfach vom Tisch gewischt wird. Zumal die Sendung sich vermeintlich kritisch gibt. Gleichzeitig wird kräftig Werbung für das Institut gemacht, inklusive Firmenlogo. Zufall? Es kommt noch viel offensichtlicher. Zunächst lässt angeblich nur ein kleiner Hersteller aus Sachsen einen Blick in die Produktion zu. Etliche andere haben demzufolge  abgelehnt. Schließlich findet sich nach vermeintlich langer, schwieriger Recherche doch noch ein kleines, unbekanntes Unternehmen aus Bremerhaven: Der Branchenriese Frosta. Der ist nach eigenen Angaben mit zirka 25 Prozent Marktanteil Marktführer für Tiefkühl-Komplettgerichte in Deutschland. Es ist natürlich dessen gutes Recht, PR zu machen, und die Produkte finde ich grundsätzlich auch OK. Aber das, was da unter dem Deckmantel der Verbraucheraufklärung präsentiert wird, grenzt schon an Propaganda. Nich von Frosta, sondern von der Art und Weise, wie Ihr das inszeniert.

Dass Formschinken und Chicken Nuggets im Test durchfallen, gibt den Anschein des kritischen Journalismus. Wirklich überzeugend ist das angesichts all der handwerklichen Fehler (um es mal vorsichtig auszudrücken) nicht.

Liebes ZDF, die lange aufwändige Recherche nimmt Euch kein halbwegs informierter Verbraucher ab. Für wie blöd haltet Ihr uns eigentlich? Das kann selbst dem talentfreiseten Volontär nicht einfallen.

Der Gipfel ist aber die vermeintliche Ökobilanz: Eine Familie soll Hühnerfrikasse selber kochen und danach ein Tiefkühlgericht aufwärmen. Dabei wird der Stromverbrauch gemessen. Oh Wunder: Das vorgekochte Tiefkühlgericht gewinnt. Und man stellt fest: Bei der Ökobilanz ist Fertigkost klar im Vorteil. Die Herkunft der Zutaten, die Produktion der Rohstoffe und die Transportwege der Ware sowie ihrer Bestandteile bleiben unberücksichtigt. Auch der Energieaufwand für industrielle Produktion und Vorkochen der Ware wird außer Acht gelassen. Das soll eine Ökobilanz sein? Nein, das ist plumpe Verbrauchertäuschung.

Liebes ZDF, ich bin in meinem Glauben an das Öffentlich-Rechtliche erschüttert. Künftig werde ich mich zurückhalten, wenn über die Rundfunkabgabe diskutiert wird. Und ich frage mich, warum ich die noch entrichten soll. Das machen doch schon Frosta und Co. Und wer weiß, wer sonst noch? Oder war es doch einfach nur Unwissenheit, Unfähigkeit und mangelnde journalistische Sorgfalt? Dann bezahlen wir für Dilletantismus. Pfui, Teufel.

P. S.: Diesmal keine Illustrationen, Will mir ja keinen Ärger einhandeln.

Potemkinsche Zeitungen oder: ein Verlag schafft sich ab

Die WAZ-Mediengruppe ist schon lange schlecht beraten. Irgendwer hat den Verantwortlichen eingeflüstert, dass Qualität und Vielfalt ihren Preis nicht wert sind und dass sie deshalb ab sofort nur noch Platz in Sonntagsreden haben. Redaktionen werden gleichgeschaltet, etablierte Zeitungsmarken auch. derwesten.de war der erste lustvolle Schritt in den Untergang. Bald bleibt nur noch Fassade. Das ist konsequenter Irrsinn.

Bitte liebe WAZ-Gruppe, schlimm genug was Ihr mit Euren Redakteuren macht. Aber glaubt Ihr ernsthaft, dass bald noch irgendjemand eure Potemkinschen Zeitungen kauft???

Erschütterndes, nachzulesen auf kress.de

Zwangsbeglückung

BILD liebt Berlin, Plane (Quelle: Axel Springer Verlag)

Am 23. Juni soll die „BILD“ an alle deutschen Haushalte ausgeliefert werden. So etwas nennt man dann wohl Volkszeitung. Auch „Werbeverweigerer“ dürfen sich über die Lektüre freuen. Das Ganze geschieht aus Anlass des 60. Geburtstags des Boulevardblattes aus dem Springer Verlag –  nicht ganz uneigennützig. Denn das Blatt feiert sich nicht nur selbst, sondern erhofft sich auch satte Werbeeinnahmen. Eine ganzseitige Anzeige soll vier Millionen Euro kosten.

Nicht alle sind von dem Angebot begeistert. Unter dem Trending Topic „Briefkasten“ machen sich findige Mitbürger auf Twitter Gedanken, wie sie wohl dieser Zwangsbeglückung entgehen können. Da ist dann auch gerne schon mal von „Zunageln“ die Rede.

„Timeo Danaos et dona ferentes“, sagte schon der Dichter Vergil. Altphilologen und Asterixleser wissen was das heißt: Ich fürchte die Danaer, auch wenn sie Geschenke bringen. „Danaer“ war einer der Namen, den das Heer der griechischen Stämme vor Troja trug. Und wie die Sache mit dem Trojanischen Pferd ausging, ist ja hinreichend bekannt…

Titanic ist diesmal die bessere Bild oder: Ist unser Bundespräsident noch zu retten?

Ist in der Affäre um den Bundespräsidenten alles gesagt? Jetzt ja. Und Bild kann noch vom Satiremagazin Titanic lernen:

Besser als Bild: Titanic (Quelle: Titanic)

Besser als Bild: Titanic (Quelle: Titanic)

Bleibt die Frage, ob Wulff sich diese Woche noch im Amt halten kann. Dem Duisburger OB Adolf Sauerland hat er ja schon einmal den Rücktritt nahe gelegt. Aber vielleicht hat der jetzt noch ein paar Tipps für ihn…? Ach ja, und von wegen „das Amt nicht beschädigen“ – da ist wohl eh nix mehr zu machen…

Markttest geht weiter: zwei Ausgaben WIRED in 2012

Eine gute Nachricht für 2012 kommt heute vom Mediendienst kress: Das deutsche „WIRED“-Abenteuer wird fortgesetzt. Der Markttest geht weiter und 2012 beschert uns zwei weitere Ausgaben – im Bundle mit GQ und als Stand-Alone-Ausgabe!

Die erste Deutsche WIRED war großartig. Schön, dass es jetzt weitergeht! Ein Grund zur Vorfreude und zum Feiern. Bitte sehr – eine ausgefallene musikalische Darbietung für ein ausgefallenes Magazin:

WIRED: bitte weitermachen!

Liebe WIRED-Redaktion,

ich gebe es ja zu: Ich wollte kein Supplement der GQ kaufen und habe den Erwerb Eures Debütalbums  trotz ungeduldig freudiger Erwartung bis zum Erscheinen der  Einzelausgabe hinausgezögert. Das kann man mir als Nickeligkeit auslegen. Aber ich finde, Ihr habt einfach eine eigene Ausgabe verdient.

Diese Woche war es endlich so weit. Ich konnte schließlich doch noch einen Zeitschriftenhandel finden, der die erste deutsche Ausgabe der WIRED hatte. Mittlerweile gibt es ja schon eine Menge Rezensionen. Aber das hatte ich dann doch nicht erwartet. Das ganze Getrommel im Vorfeld – reines Understatement. Ein großartiges Magazin habt Ihr da geschaffen. Ein Kulturgut. Und das soll uns bitte, bitte lange erhalten bleiben!

Ich habe das Heft aufgesogen bis zum letzten Buchstaben. Diese wundervolle Mischung aus Technik, Wirtschaft und Lifestyle. Das phantastische Layout. Einfach stimulierend. Die Leichtigkeit, mit der das Magazin daherkommt. Und dann: Der Inhalt, die Qualität der Beiträge, die vielen kleinen Feinheiten die durchblicken lassen, dass da jemand ein ganz neues Formt geschaffen hat. Zum Beispiel, wenn einzelne Artikel ein so eigenständiges Layout bekommen, dass sogar die Seitenzahl auf eine andere Position wechselt. Und trotzdem fügt sich alles zu einem harmonischen Ganzen zusammen.

Jeder einzelne Beitrag ist lesenswert, und alle Autoren scheinen zur Höchstform aufzulaufen. Internet-Ikonen wie Jeff Jarvis und Gunter Dueck zeigen sich von ihrer besten Seite: Jarvis‘ Beitrag über Johannes Gutenberg als Schutzpatron des Silicon Valley lässt ahnen, welche Bewegung die Erfindung des Buchdrucks seinerzeit in die Gesellschaft gebracht hat – und welche historischen Umbrüche wir gerade dank der Internetrevolution erleben und noch erleben werden. Gunter Dueck findet ganz neue Antworten auf die Frage, ob man alles wissen muss oder ob es ausreicht,  zu wissen wo man suchen muss. Und wer möchte ihm nicht zustimmen wenn er sagt, dass es nicht reicht viele Rezepte zu kennen, um ein guter Koch zu sein.

Viele andere großartige Beiträge finden sich in dem Magazin. Richard Gutjahr berichtet über seine Erfahrungen in Israel und zeichnet ein Bild, das wir so aus den Medien noch nicht kennen. Ein Bericht verführt zu einer Reise in die dunklen Tiefen des Internets. Im Stil eins Wimmelbilds wird die Technik und Logistik des Oktoberfests erklärt und, und, und. Ja, und dann gibt es natürlich die Titelgeschichte über deutsche Geeks und Berliner Startups, durch die unsere Bundeshauptstadt sich langsam zu einem europäischen Silicon Valley gemausert hat. Hat man ja schon drüber gelesen – aber noch nie so spannend, eingängig  und lebensnah.

Kurz und bündig: Ein einziges Lesevergnügen. Jetzt bleibt zu hoffen, dass es weitergeht. Eine deutsche WIRED ist in dieser Form eine echte Bereicherung für unsere Medienlandschaft. Und das bestimmt nicht nur als App. Also, liebe WIRED-Redaktion: Bitte, bitte weitermachen! Ich nehm sofort ein Abo.