Investmentbanker sind (keine) A****l****r


„Investmentbanker sind keine Arschlöcher“ – die Wortwahl stammt nicht von mir. Es ist der Titel eines Kapitels in Gerald Hörhans faszinierenden und lesenswerten Buch Investment Punk. Der ebenso charismatische wie streitbare Österreicher ist selber Investmentbanker. Irgendwann war er es leid, dass ständig auf seine Zunft geschimpft wird. In dem Buch schlägt er zurück und hält uns, der Mittelschicht, gnadenlos den Spiegel vor Augen. Seine Analysen sind brillant, und man muss ihm in vielen Punkten einfach zustimmen. Dabei wirkt er sehr geradlinig und authentisch. Und das sogar obwohl er selber einräumt, dass er in seine Schwächen investieren würde, wollte er an seinen Sympathiewerten arbeiten. Man kann ihm praktisch bei der Arbeit über die Schulter blicken. Er ist so einer vom Typus „hart, aber fair“. Er hilft Unternehmen in Schieflage gegen Beteiligung, bringt sie auf Kurs und verdient damit gut, sehr gut. Dafür macht er auch eine erstklssige Arbeit. Wer sich nicht an die Regeln hält, wird abserviert. Vielleicht gibt es auch erst noch einen Warnschuss. Mehr nicht. Wer sich dagegen aufrichtig bemüht, hat Hörhans Wohlwollen. Auch er selber hält sich strikt an die Regeln. Andere aus seiner Zunft kommen in dem Buch zwar nicht so gut weg, insgesamt will Hörhan aber doch auch eine Lanze für seine Kollegen brechen.

Man ist geneigt, ihm zu glauben und sich von lieb gewonnenen Vorurteilen zu verabschieden. Sind eben auch Menschen, diese Investmentbanker, leben einfach auf einer anderen Geschwindigkeit, sind intelligenter, besser ausgebildet und haben einiges richtig gemacht. Ja, wer das Buch gelesen hat, hinterfragt schon eher die Berichterstattung in den Medien. Man will sich nicht einmal mehr richtig echauffieren, wenn in der Londoner City wieder die Rekordboni ausgeschüttet werden.

Und jetzt das: Einer Studie der Universität Sankt Gallen zufolge sind Investmentbanker rücksichtsloser und manipulativer als Psychopathen. Ein gefundenes Fressen für die Medien. Und selbst echten Hörhan-Fans dürfte es schwer gefallen sein, den medialen Reflex unter Kontrolle zu halten: „Da haben wir’s wieder. Diese verdammte Bande…“

Trotzdem ist es erschreckend wenn man sich vorstellt, dass Leute wie jene, die in der Studie untersucht werden, möglicherweise die ganz großen Räder in der Weltwirtschaft drehen. Sie werden beschrieben als Menschen, die einem Nachbarn, der das selbe Auto fährt wie sie selbst, das Fahrzeug zerstören würden – nur um selbst ein besseres zu haben.

Es bleibt die Frage, was die Forscher der renommierten Universität bewogen hat, ausgerechnet diese Berufsgruppe zu untersuchen. Wie hätten andere abgeschnitten? Frisöre, Ärzte, Unternehmensberater, Profifußballer? Waren auch Frauen in der Gruppe und waren in den Kontrollgruppen genauso viele (kann man sicher irgendwo nachlesen)? Und wie fühlen sich die so dargestellten Probanden angesichts dieses Ergebnisses? Ist es ihnen gleichgültig?

Verallgemeinerungen sind so schön, weil sie so einfach sind. Noch schöner ist es, wenn sie von Zeit zu Zeit prominent bestätigt werden. Gut, dass es hier jemanden wie Gerald Hörhan gibt, der ordentlich an unserem allzu einfachen Weltbild rüttelt.

Und trotzdem: Die Ergebnisse der Studie sind erschreckend. Und natürlich ist auch die Aussage „Investmentbanker sind keine Arschlöcher“ eine Verallgemeinerung.

8 Kommentare zu „Investmentbanker sind (keine) A****l****r

      1. Liebe SoSe, wenn Du die Pforte von WordPress passiert hast, solltest Du eigentlich reinkommen. Die Zimmertür ist offen. Bist Du vielleicht nur bei Gravatar angemeldet? Sonst fällt mir auch nichts ein. Auf jeden Fall schon mal vielen Dank fürs Liken (wollen)!

  1. Im letzten Jahr lief auf ARD eine Doku, betitelt „Der große Rausch – Ein Investmentbanker packt aus“. Hier wurde die atemberaubende Geschichte eines Bankers und der Geschäftspraktiken in der Londoner City, einem der größten Finanzzentren der Welt, erzählt. Atemberaubend sind auch die Tricks und Geschäftspraktiken, über die berichtet wird. Geraint Anderson, so heisst der Banker, hatte seine Erlebnisse in der Börsenwelt aufgeschrieben und in einer Londoner Zeitung veröffentlicht – zuerst anonym. Später ging er an die Öffentlichkeit. Ein sehr empfehlenswerter und beeindruckender Film. Natürlich wird jeder seine ganz persönliche Meinung über Investmentbanker im einzelnen und im allgemeinen haben und seine eigenen persönlichen Schlussfolgerungen ziehen.
    LG von Rosie

    1. Danke, liebe Rosie. Ich erinnere mich an diese empfehlenswerte Dokumentation.

      Es ist wie überall, der Flow fasziniert und ist man drin im Flow, fließt man mit. Man weiß zwar, worauf man sich einlässt – die Farbe des Geldes – doch einmal in der Mühle drin, hat man weder Zeit, noch Lust, noch Motivation zur Reflexion dessen. Dies geschieht erst wieder so nach und nach, spätestens dann, wenn die eigenen Energiereserven aufgebraucht sind, der Burn out da ist und man aus dem System wieder ausgespuckt wird, weil man für dieses nutzlos geworden ist.

      Nun ja, Ich belasse es hiermit.
      LG,
      die Social Secretary

  2. Interessant „nachgedacht“ – Ja warum wohl die ständig auf der Überholspur lebende und sich selbst schon öfter mal als „Master of the Universe“ bezeichnende Spezies analysiert worden ist?
    LG

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