Türe #17: Der Wandersmann


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Nach einer wahren Begebenheit

Nordschweden. Sommer. Dunkel wird es erst in ein paar Wochen wieder. Die Wärme tut gut. Nachts kann es noch sehr kalt werden. Den ganzen Tag schon steht der 16-jährige am Straßenrand. Kein Auto hält. Es geht nicht weiter. Die restlichen Kilometer bis zum Polarkreis wird er wohl nicht schaffen.

Er wechselt die Straßenseite. Sofort hält ein Fahrzeug. Marke Mercedes. Weinrot. Ein Mann, wohl Mitte siebzig, steigt aus. Zieht ein Bein leicht nach. Lederhosen. Rot-weiß kariertes Hemd. Kaut einen Apfel.

Der Anhalter in abgerissener Kleidung. Langes, zerzaustes Haar. Ungeduscht, gedutzt und ausgebuht (danke für die wundervolle Formulierung, Max Goldt). Spricht den Rotweißkarierten auf Schwedisch an. „Vous parlez Francais?“ kommt die Antwort. „Non. Do you speak English?“ – „No.“ Ein Blick aufs Nummernschild: Münchener Kennzeichen. „Ich glaube wir können Deutsch reden“.

Das Gepäck des Anhalters ist schnell verstaut. Rucksack, Gitarre. Wahrscheinlich riecht er nicht mehr ganz frisch. In seinem Kopf läuft ein Film ab. Über Bayern und seine Bewohner. CSU und Franz Josef Strauß. Spießertum, Weißbier und Leberkäse. Nicht schön. Der Fahrer dagegen scheint seinem auffällig schrillen Fahrgast völlig unvoreingenommen zu begegnen. Eine gemeinsame Fahrt von rund 200 Kilometern liegt vor den beiden. Landstraße. Autobahnen gibt es da oben keine. Ortschaften unterwegs auch nicht.

„Ich bin ein Wandersmann“, berichtet der Rotweißkarierte. Als junger Mann habe er alle bayerischen Wälder durchstreift. War immer draußen in der Natur, ständig unterwegs. Dann kam der Krieg. Ein Schuss ins Knie. Ist nie richtig ausgeheilt. Vorbei war es mit den Streifzügen durch die bayerischen Wälder. Ein bitteres Schicksal? Der Anhalter hat Mitleid…

„Und so bin ich Radwanderer geworden“, erzählt der Fahrer fröhlich. Hat sämtliche Pässe der Schweiz erradelt. Ist viel rumgekommen. Hat seinen Horizont erweitert. Jahrzehnte lang. Immer unterwegs. Die Beschwerden im Knie nahmen zu. Irgendwann ging es nicht mehr.

„Mit 68“, er hebt den Zeigefinger, „mit 68 habe ich den Führerschein gemacht. Und dann bin ich Autowanderer geworden.“ Führerschein mit 68? Um Wandern zu können? Jetzt ist er vom Süden Portugals bis zum Nordkap kreuz und quer durch Europa unterwegs. Schlägt sich durch mit Deutsch und Französisch. Kaut seine Äpfel. Genießt das Leben und seine Freiheit, das zu tun, wofür sein Herz schlägt. Ein leidenschaftlicher (Auto-)Wanderer.

Der Mann ist trotz schwerer Rückschläge im Leben nie bitter geworden. Er hat immer die Möglichkeiten gesehen und gesucht. Unmögliches schien es für ihn nicht zu geben. Er liebt die Philosophie und erzählt von Johann Gottfried Seume, den er sehr verehrt. Die beiden sind schnell im Gespräch und die Fahrt vergeht wie im Flug.

Der Abschied ist herzlich. Adressen werden nicht ausgetauscht. E-Mail und Internet gab es noch nicht. Es bleibt der lebendige Eindruck. Ein ganzes Leben. Der Anhalter beschließt: An diesem Mann will er sich ein Beispiel nehmen. Immer die Möglichkeiten zu sehen, nicht das Unmögliche. Und niemals bitter werden. Das Beispiel wurde zu einem Leuchtturm und Fixpunkt in seinem Leben.

Danke, mein wundersamer, wunderbarer Wandersmann. Jetzt ist es bezeugt.

Noch bis morgen besteht die Möglichkeit, am Nikolaus-Gewinnspiel teilzunehmen. Also gleich anfangen und das Mögliche sehen statt zu glauben, es sei unmöglich Thilo Baums und Frank Eckerts Buch „Sind die Medien noch zu retten?“ zu gewinnen. Handsigniert natürlich. Dazu einfach nochmal Türe #6 öffnen!

Am 24. 12.2016 wird der Name des Gewinners hier auf medienkanzler.net veröffentlicht. Viel Glück!

Morgen geht es weiter im Adventskalender mit Türe #18.

2 Kommentare zu „Türe #17: Der Wandersmann

  1. Wunderbar.
    „Immer die Möglichkeiten zu sehen, nicht das Unmögliche. Und niemals bitter werden.“
    Solchen Menschen zu begegnen, ist ein wundersames Glück.
    Ein roter Faden für das Leben.
    „Das zu tun, wofür das Herz schlägt.“
    Wie schön.

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