Feindbilder


Lange Zeit galt Microsoft vielen Computernutzern als Feindbild. Was die meisten natürlich nicht davon abhält, ihre Rechner munter weiter mit Windows-Software und Office Produkten aus Redmond zu bestücken. So ganz genau nahm man es zumindest im privaten Bereich nicht mit den Lizenzen. Wozu freie Software, wenn man auch geklaute Windows-Software nutzen kann? Kopierschutz und ausgefeilte Lizenz-Schlüssel nutzten da wenig. Der Aufschrei kam, als der Konzern mit Windows 95 erstmals wirklich auf die Rechner der Nutzer durchgriff. Online-Registrierung, oder zumindest doch per Telefon. Totale Kontrolle. Was wird da wirklich nach Redmond gemeldet? Der gläserne Nutzer? Das berechtigte Interesse Microsofts, sein geistiges Eigentum zu schützen, brachte seltsame Früchte hervor. Doch man hatte sich schnell dran gewöhnt. Das Image von Microsoft litt trotzdem.

Der kometenhafte Aufstieg des strahlenden Sterns des Internetzeitalters hatte da noch gar nicht richtig begonnen: Google. ‚Don’t be evil‘ haben sie gesagt. Und alle glaubten es. So ganz anders als Microsoft. Eine schöne bunte Welt. Und alles kostenlos. Toll! Ganz schnell entstand ein neues Monopol – nicht auf dem Desktop, sondern im Internet. Bis heute gehen die meisten Nutzer recht sorglos mit den Informationen um, die sie der schönen bunten Suchmaschine und den zahlreichen Diensten anvertrauen. Informationen, von denen nicht allein Microsoft, sondern auch jeder Innenminister der Welt nur träumen kann. Goolge-Bashing ist zwar mittlerweile auch en Vogue, am Nutzerverhalten ändert das allerdings wenig.

Bleibt noch Apple. Die sind gut. Sie waren immer die elegante Alternative zu Microsoft. Für die Designorientierten. Für die Intellektuellen. Für die, die was auf sich halten. Steve Jobs, die Lichtgestalt. Da störte es wenig, wenn Greenpeace in seinen Umweltrankings Apple Jahr für ein katastrophales Zeugnis ausstellte. Apple gelobte Besserung. Immer wieder, bis zum nächsten Jahr. Mit dem Siegeszug des iPhone übernimmt Apple nun die totale Kontrolle über die Nutzer. Es gibt eine scharfe Zensur. Nur Apps, die von Cupertino abgesegnet sind, laufen auf dem iPhone. Missliebige Inhalte werden entfernt, Pressefreiheit gibt es nur von Apples Gnaden. Der Stern zeigt nackte Haut? Die App von Stern wird gelöscht. Jemand weigert sich, seine Software zu aktualisieren? Dann entzieht er sich vielleicht der Zensur? Das iPhone wird abgeschaltet. So etwas hätte Microsoft niemals gewagt. Und die Nutzer machen alles mit. Sie jubeln noch dazu. Einer aktuellen Studie von Strand Consult zufolge leiden viele sogar unter dem Stockholm-Syndrom.  Sie nehmen Apple gegen alle potenziellen Anfeindungen in vorauseilendem Gehorsam in Schutz. Mittlerweile hat Apple nicht nur die Nutzer als Geisel genommen, sondern zunehmend auch die Verlage. Sie hoffen darauf, auf dem iPhone das Geld zu verdienen, das im Internet niemand zu zahlen bereit ist. Werden sie sich der Zensur beugen? Warten wir’s ab.

Wer sind die guten? Open Source? Auch hier sind mächtige Konzerne involviert. Novell, Oracle, IBM und insbesondere auch Google. Google penetriert die Szene mit seiner bunten Welt. Events wie der Summer of Code ziehen die Entwickler an. Android als Instrument, den Smartphone Markt aufzurollen. Novell paktiert mit Micorsoft. Noch stehen viele Aktivisten in der Community für eine unabhängige Open Source Bewegung. Noch sind OpenSuse, Ubuntu und Co. sicher eine gute Alternative zum Windows Desktop. Chrome OS ist für mich dagegen der Open Source Horror schlechthin.

Microsoft hat mittlerweile viel dazu gelernt. Gegen die neuen Mächte des Internets und des Mobile Content erscheint der Desktop-Gigant eher harmlos. Sicher ist er noch mit Vorsicht zu genießen. Aber ich fühle mich mittlerweile besser, Bing zu nutzen anstelle von Google. Und ein Windows 7 würde ich Chroms OS immer vorziehen. Selbst Steve Ballmer kommt mir mittlerweile zunehmend sympathisch rüber. Aber noch gibt es keinen Grund, das OpenSuse von meinem Desktop auszusperren.

2 Kommentare zu „Feindbilder

  1. Vollkommen korrekt. Ich suche bereits seit geraumer Zeit nicht mehr mit Google und bin ebenfalls vor kurzem auf bing umgestiegen. Und Chrome OS werde ich auch nicht anpacken. Was in diesem Zusammenhang jedoch sehr seltsam anmutet ist die Tatsache, dass sich viele Nutzer und zwar völlig zurecht gegen staatliche Eingriffe und die Sammelwut unserer Politiker zur Wehr setzen, jedoch kein Problem damit haben und es vielleicht auch gar nicht erkennen, einem Unternehmen hochgradig sensible Daten zu übermitteln. Ist die Bequemlichkeit es wert, dass ich stes und überall auf Google zugreife, statt auf Alternativen zu setzen? Und das Angebot des Google-DNS-Servers ist auch schon da, wie praktisch. Damit kann dann fast jede Art von IP-Verkehr rekonstruiert werden. Die Vorratsdatenspeicherung, die ist dagegen etwas gaaaanz Übles. Aber es stammt ja von Google, und es ist natürlich kostenlos (kommt immer gut an) und die bei Google sind ja eben nicht evil. Aber wie hat schon Christian Kirsch von der „iX“ festgestellt, es gab da vor einigen Tausend Jahren bereits die Danaer, die hatten auch so ein tolles Geschenk zur Hand. War zwar nur ein Pferd, aber das hat auch seinen Zweck erfüllt. Also die Erfolgsaussichten von Google sind enorm.

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