Kanzlerblog

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Schlagwort-Archiv: Apple

Der Kunstrasen als Spielwiese

Kunstrasen (Quelle: RainerSturm / pixelio.de)

Kunstrasen (Quelle: RainerSturm / pixelio.de)

Astroturfing sollte  eigentlich ein Relikt aus der Frühzeit des Web 2.0 sein. Zumindest dürften  jenseits des Atlantik wohl die meisten begriffen haben, dass es mehr Schaden als Nutzen stiftet. Mal ganz abgesehen von der moralischen Dimension. Hierzulande scheint sich diese einfache Wahrheit nur sehr langsam herumzusprechen.

Nein, Astroturfing hat nichts mit Horoskopen, Teleskopen oder unbemannter Raumfahrt zu tun. Es geht dabei um die Vortäuschung einer vermeintlichen Graswurzelbewegung, hinter der dann doch nichts anderes steckt als verdeckte PR. „Astroturf“ ist ein Markenname für Kunstrasen. Das Phänomen ist nicht auf das Web 2.0 beschränkt. Aber das lädt besonders dazu ein. Weil es so einfach ist, und weil man sich hinter Nicknames und falschen Profilen verstecken kann.

Das dachte sich jetzt wohl  auch die Telekom. Die ist ja bekannt als ein Unternehmen, das sich dankbar auf jedes erreichbare Fettnäpfchen stürzt. Jetzt also Astroturfing: Unechte Nutzerbwertungen in der Einkaufswelt von T-Online. Schuld sind natürlich wieder einmal übereifrige Dienstleister. Unter anderem berichtet golem.de.

Übereifrig wahr wohl auch der ehemalige Neofonie-Chef Helmut Hoffer von Ankershoffen. Wenn er doch wenigstens ein paar Freunde gefragt hätte. Aber nein, er musste die Lobhudeleien für sein WeTab auf amazon.de ja selber faken. Blogger Richard Gutjahr hat es mit kriminalistischem Spürsinn aufgedeckt. Hoffer von Ankershoffen wird seine Lektion gelernt haben. Auf die harte Tour. Das Zeug zu einem deutschen Steve Jobs hat er  damit wohl kaum. Obwohl ja auch Jobs zwischenzeitlich seine Streuobstwiese für einige Jahre verlassen musste. Aber schon längst ist der Mann im schwarzen Rollkragenpulli wieder schwer angesagt.

Ob wir in der nahen Zukunft noch mehr so traurige Geschichten hören werden? Oder hat es sich jetzt endlich herumgesprochen? Öffentlichkeitsarbeit braucht ein offenes Visir. Auch in den scheinbar anonymen Bereichen des Web 2.0. Alles andere ist moralisch verwerflich. Und fällt einem früher oder später auf die Füße. Hoffentlich!

Übrigens: Wikipdeia listet als aktuelle Beispiele für Astroturfing in Deutschland unter anderem die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM), die Gesellschaft zur Förderung umweltgerechter Straßen- und Verkehrsplanung (GSV), den Bundesverband Landschaftsschutz, die Initiative „meine Wahl!“ (BVmed) und Bürger für Technik.

Meint Ihr nicht, es reicht langsam?

Liebe FIFA,

die ganze Welt weiß, dass wir in Südafrika nicht irgendein Fußballturnier erleben. Nicht irgendeine WM. Nein, es ist die FIFA WM. Es ist das größte Medienevent der Welt und Ihr habt das verdiente Monopol darauf.

Ihr allein verfügt über das eingetragene Markenzeichen „FIFA Fußball-Weltmeisterschaft Südafrika 2010 WM TM“. Selbst die skrupellosesten Produktpiraten in Zypern, China oder Nordkorea fürchten Euch. Sie wagen es nicht, Devotionalien zur FIFA Fußball WM TM ohne Genehmigung von Euch, der FIFA, den Herren über die schönste Nebensache der Welt, zu produzieren und dafür ordentlich zu bezahlen.

Ihr seid wahrhaft mächtig. Ihr bestimmt über die Ausstattung der Spieler. Ihr bestimmt über das Bier im Stadion. Man kann vielleicht ohne den Segen der Kirche ein gottgefälliges Leben führen. Man kann nicht ohne Euren Segen ein guter Fußballfan sein. Ihr seid vielleicht die Einzigen, die Apple im Merchandising noch überlegen sind.

Der Herr gibt, der Herr nimmt, so heißt es. Aber dass Ihr uns nun auch noch das Augenlicht nehmen wollt. Reichen Euch nicht schon die Ticketverkäufe, die Übertragungsrechte,  die Anteile an den Rundfunkgebühren, Werbung und  Sponsoring?

Ihr geht zu weit. Euer ständig mitten im Spiel eingeblendeter greller Schriftzug war sicher teuer. Doch er schmerzt in den Augen. Schlimmer als der Klang der Vuvuzelas in den Ohren. Und wenn Ihr uns nun das Augenlicht nehmt, so sei das Euer gutes Recht. Doch wer soll dann noch Eure Spiele sehen? Gut. Das ist von Eurer Gnade. Aber schlimmer noch, wie wollt Ihr denn dann noch Eure Werbeplätze vermarkten?

Noch kann ich sehen, und würde gern ein Bild zu diesem Eintrag posten. Aber habe ich überhaupt das Recht, eine schwarz-rot-goldene Fahne zu veröffentlichen, ohne Euch zu fragen? Oder einen Ball? Die geschundene Wade eines anonymen Spielers? Einen grünen Rasen? Gehört es nicht alles Euch? So wollen wir vorsichtig sein und nicht Euren Zorn beschwören.

Aber eines werde ich nicht tun: Euer greller Schriftzug bleibt draußen! Den muss ich mir spätestens am Freitag wieder ansehen.

Ist Apple ein Kabelnetzbetreiber?

Während Verlage rund um die Welt das iPad als großen Hoffnungsträger in schwierigen Zeiten feiern, scherte sich Apple bislang wenig um die immer wieder laut werdenden Zensurvorwürfe. Auch die deutschen Verleger warten noch auf eine Antwort aus Cupertino.

Jetzt meldet sich die Politik zu Wort. Laut Spiegel online prüfen die Rundfunkreferenten der Länder, ob man den Konzern gesetzlich zwingen kann, Produkte in seinen App Store aufzunehmen. Ihr berechtigte Frage: Ist der App Store für iPhone, iPad und iPod vergleichbar mit dem Angebot eines Kabelnetzbetreibers? Die sollte man doch spätestens mit der Einführung des iPad, das eindeutig als Träger für mediale Inhalte konzipiert ist, mit einem klaren JA beantwortet können! Dann müsste aber doch auch der Artikel 5 des Grundgesetzes greifen. Die Grenzen der Freiheit der Berichterstattung legt demzufolge der Gesetzgeber fest. Kein Privatunternehmen. Nicht einmal Apple.

Immerhin wollen laut dem Verband Deutscher Zeitschriftenverleger bis Anfang 2011 rund 45 Prozent aller deutschen Zeitschriftentitel kostenpflichtige Apps anbieten. Bleibt zu hoffen, dass auch die Apple-Fangemeinde sich mit der Frage kritisch auseinandersetzt. Aber Kritik an Apple ist ja mal nicht gerade angebracht…

Erste Zeichen eines Einlenkens von Apple scheint es aber doch zu geben. Die Nackedeis der Bild zeigen auf iPad & Co. jetzt wieder ihre volle Pracht – wie in der Tageszeitung. Der deutsche Playboy bleibt aber weiter ausgesperrt.

Tumminelli braucht es auch nicht

(Quelle: Apple)

Das iPad lässt offenbar die meisten Leser kalt. Die wenigen Getreuen, die sich pflichtschuldig an der Umfrage dazu beteiligt haben, brauchen es offenbar nicht. Damit stehen sie nicht alleine da.

Die anderen hat das Thema scheinbar so wenig gereizt, dass sie sich nicht zur Teilnahme aufraffen konnten. Im Gegensatz zu iPod und iPhone scheint das iPad wohl nicht zu polarisieren und ebenso  wenig nachhaltig zu begeistern.

Auch Handelsblatt-Designkritiker Prof. Paolo Tumminelli braucht es nicht und will es auch nicht haben. „Wage niemand, es mir zu schenken“, titelt er. Wie immer lesenswert!

Neue Umfrage

Von den 14 Leuten, die freundlicherweise an der Umfrage zum Thema GEZ-Gebühren teilgenommen haben, nutzen immerhin zwei ihren PC  zum Empfang von TV- und Rundfunkprogrammen. Für die überwiegende Mehrheit (9 Leute) ist der Rechner allerdings kein Radio. Immerhin zwei laden sich gelegentlich digitale Inhalte von den öffentlich rechtlichen Sendern runter. Ich auch.

Vielen Dank also fürs Mitmachen und auf zur nächsten Umfrage. Diesmal geht es um das iPad. Anschaffung schon geplant?

Braucht man das?

(Quelle: Apple)

Die Welt jubelt. Der Mediengott Steve Jobs hat uns das iPad beschert. Für jedes andere Unternehmen wäre es ein Nischenprodukt. Niemand wird deshalb auf PC oder Laptop verzichten. Es ist auch nicht so nützlich wie ein MP3-Player oder so elementar im heutigen Leben wie ein Handy. Während iPod und iPhone also ihre Existenzberechtigung haben und den Suchtfaktor mit edlem Design, einfacher Handhabung und allerhand nützlicher und völlig überflüssiger Features erhöhen, fragt man sich bei nüchterner Betrachtung schon, wer so ein iPad eigentlich braucht.

Aber alle jubeln. Allen voran die Medien. Sie wittern Geschäft. Und die Provider. Auch sie lockt das große Geld. Und so wie das iPhone den Durchbruch für die mobile Datennutzung bringen sollte, soll nun das iPad endlich endlich die Menschheit davon überzeugen, für mediale Inhalte im Web zu bezahlen. Aber das würde sowieso kommen, glauben Experten auf einmal zu wissen. Bezahlen für Nachrichten im Web? Ohne drastische Verluste bei den Werbeeinnahmen? OK, dafür braucht es vielleicht wirklich ein neues iPhone-Wunder.

Ob Apple es schafft, die Hysterie um das iPad ausreichend anzufeuern, wird sich zeigen. Ein Nischenprodukt von der Zensurbehörde in Cupertino als Offenbarung in der Medienkrise. Himmel hilf!

Update 02.02.2010:  Habe mal bei Thomas Knüwer nachgesehen. Der glaubt dran. Auf jedenf lesenswert! Lassen wir uns überraschen…

Wir Junkies

Wir sind hungrig. Süchtig. Immer auf der Jagd nach der Breaking News. Immer auf der Suche nach dem Kick. Das ist der Ursprung des Zeitungs- und Nachrichtenwesens. Und es macht uns manipulierbar. Im Internetzeitalter können die Zeitungen unsere Sucht nur noch bedingt befriedigen. Sie können interpretieren. Konsolidieren. Kanalisieren. Aber die Nachricht, die heute in der Zeitung steht, war gestern schon im Web zu finden. Es sei denn, ein paar Provinzpolitiker wollen der Kanzlerin mal wieder vor’s Schienenbein treten. Das nennt man dann exklusiv. In der großen Politik gibt es das von Zeit zu Zeit und das ist gut für die Auflage. Die wahre Informationsmacht ist aber längst ins Netz gewandert. Und dort eröffnen sich ganz neue Spielarten.

Die großen der IT-Industrie spielen das Spiel schon lange. Da sickern scheinbar ungewollt Informationen durch. Die Öffentlichkeit stürzt sich drauf. Und das ist so kalkuliert. An anderer Stelle wird gerade mit heiß ersehnten Informationen gegeizt. Das schürt den Nachrichtenhunger. Meister in dieser Disziplin ist wieder einmal Apple.Aber auch Microsoft, Google oder die Chipindustrie spielen ihre Spiele. Etwas anders treibt es die Open Source Szene, das Prinzip ist dasselbe. Hier wird oft jede 0.1 Alpha-Version eines Kernels, Browsers oder Dienstprogramms als neue Sau durchs Dorf getrieben, lange bevor sie alleine in den Beta-Test geht, geschweige denn bei der Masse der Nutzer ankommt.

Die seltsamsten Blüten treibt das Spiel mit der Sucht sicher auf dem Boulevard. Und hier bringt es mitunter bizarre Früchte hervor. Ausbrecher Peter Paul Michalski packt aus – in „Bild“. Der scheinbar sympathische Knacki ist wohl mal eben in der Redaktion vorbeigelatscht und erzählt seine Räuberpistole vom Kurzurlaub. Natürlich war er nie da. Wahrscheinlich wurden der Redaktion die Informationen vom Anwalt des vermutlich immer noch sehr gefährlichen Schwerverbrechers zugespielt, um seinen Mandanten gut aussehen zu lassen. Die Sensation ist perfekt. Die Auflage steigt. Die Medienmaschine läuft.

Sucht macht verführbar. Die Suche nach dem Kick treibt immer extremere Blüten. Zeitungen, die diese Sucht befriedigen wollen, müssen mehr bieten als die Nachrichtenflut am Tag zuvor im Internet. Sie brauchen gezielte Indiskretionen und Extreme. Für die seriöse Berichterstattung braucht es ein anderes Geschäftsmodell. Denn eine gute Zeitung kann helfen, die wachsende Flut der Nachrichten zu verstehen. Dazu braucht es erfahrene Redakteure, Spezialisten, neue Formate. Das Spiel mit der Sucht wird sich immer mehr ins Netz verlagern. Der Journalismus kann dafür sorgen, dass es nicht übertrieben wird, und dass wir uns in der schrillen Welt der Extreme und Superlative zurechtfinden – online und offline.