Wir Junkies


Wir sind hungrig. Süchtig. Immer auf der Jagd nach der Breaking News. Immer auf der Suche nach dem Kick. Das ist der Ursprung des Zeitungs- und Nachrichtenwesens. Und es macht uns manipulierbar. Im Internetzeitalter können die Zeitungen unsere Sucht nur noch bedingt befriedigen. Sie können interpretieren. Konsolidieren. Kanalisieren. Aber die Nachricht, die heute in der Zeitung steht, war gestern schon im Web zu finden. Es sei denn, ein paar Provinzpolitiker wollen der Kanzlerin mal wieder vor’s Schienenbein treten. Das nennt man dann exklusiv. In der großen Politik gibt es das von Zeit zu Zeit und das ist gut für die Auflage. Die wahre Informationsmacht ist aber längst ins Netz gewandert. Und dort eröffnen sich ganz neue Spielarten.

Die großen der IT-Industrie spielen das Spiel schon lange. Da sickern scheinbar ungewollt Informationen durch. Die Öffentlichkeit stürzt sich drauf. Und das ist so kalkuliert. An anderer Stelle wird gerade mit heiß ersehnten Informationen gegeizt. Das schürt den Nachrichtenhunger. Meister in dieser Disziplin ist wieder einmal Apple.Aber auch Microsoft, Google oder die Chipindustrie spielen ihre Spiele. Etwas anders treibt es die Open Source Szene, das Prinzip ist dasselbe. Hier wird oft jede 0.1 Alpha-Version eines Kernels, Browsers oder Dienstprogramms als neue Sau durchs Dorf getrieben, lange bevor sie alleine in den Beta-Test geht, geschweige denn bei der Masse der Nutzer ankommt.

Die seltsamsten Blüten treibt das Spiel mit der Sucht sicher auf dem Boulevard. Und hier bringt es mitunter bizarre Früchte hervor. Ausbrecher Peter Paul Michalski packt aus – in „Bild“. Der scheinbar sympathische Knacki ist wohl mal eben in der Redaktion vorbeigelatscht und erzählt seine Räuberpistole vom Kurzurlaub. Natürlich war er nie da. Wahrscheinlich wurden der Redaktion die Informationen vom Anwalt des vermutlich immer noch sehr gefährlichen Schwerverbrechers zugespielt, um seinen Mandanten gut aussehen zu lassen. Die Sensation ist perfekt. Die Auflage steigt. Die Medienmaschine läuft.

Sucht macht verführbar. Die Suche nach dem Kick treibt immer extremere Blüten. Zeitungen, die diese Sucht befriedigen wollen, müssen mehr bieten als die Nachrichtenflut am Tag zuvor im Internet. Sie brauchen gezielte Indiskretionen und Extreme. Für die seriöse Berichterstattung braucht es ein anderes Geschäftsmodell. Denn eine gute Zeitung kann helfen, die wachsende Flut der Nachrichten zu verstehen. Dazu braucht es erfahrene Redakteure, Spezialisten, neue Formate. Das Spiel mit der Sucht wird sich immer mehr ins Netz verlagern. Der Journalismus kann dafür sorgen, dass es nicht übertrieben wird, und dass wir uns in der schrillen Welt der Extreme und Superlative zurechtfinden – online und offline.

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