Der Marathon Blogger


Frank Manthey, auch bekannt als Der Emil, hat sich in diesem Jahr etwas vorgenommen. Er macht mit bei One Post A Day 2011. Jeden Tag ein Post im Blog. Ein Marathon. Jetzt ist er auf der Zielgeraden. Seine Erfahrungen und Erlebnisse schildert er im Interview.

Der Emil: Marathon Blogger und Heimathirsch (Quelle: Der Emil)

Der Emil: Marathon Blogger und Heimathirsch (Quelle: Der Emil)

Lieber Emil, schön dass Du Dir die Zeit für ein Interview nimmst. Du bist doch sicher auch noch mit Deinem Blog beschäftigt?

Hallo. Eine so freundliche Anfrage konnte ich nicht ablehnen. Klar, mit meinen Blogs bin ich gut beschäftigt – ich habe ja nicht nur den einen! In der letzten Woche habe ich darauf wirklich geachtet: Ich gebe täglich mindestens zwei Stunden dafür her, oft auch drei. Aber es ist „ein seltsam Ding“ mit der Bloggerei: Es ist Arbeit für mich, die ich gerne tu.

Wo kommt das her, „One Post a Day“? Wie und Warum hast Du Dich dazu entschieden, mitzumachen?

„One post a day“ gab es meines Wissens schon 2010 und davor. Für das Jahr 2010 gibt es einen eigenen Artikel über die Überlebenden, und alle Teilnehmer von 2011 sind auch aufgelistet. Aber hier muß ich weiter ausholen. Schon als Schüler habe ich geschrieben. Und irgendwann 2008 entdeckte ich MySpace und fing dort mit der Bloggerei an. Aber dann wurde aus MySpace MyLEER, und meine Texte brauchten eine neue Heimat. Nach langem Rumprobieren fand ich WordPress.com im November 2010. Zur Weihnachtszeit versuchte ich dann einen ganz persönlichen Adventskalender 2010, also 24 Tage lang jeden Tag einen neuen Beitrag. Das funktionierte! Boah! Zwischen den Feiertagen sah ich dann die „Werbung“ für „One Post a Day 2011“ und beschloß, das als Therapie für mich zu nutzen.

Als Therapie?

Jawohl. Ich litt und leide an der „Losigkeit“-Krankheit Depression. Antriebslosigkeit, Appetitlosigkeit, Planlosigkeit, Schlaflosigkeit, Arbeitslosigkeit, Lustlosigkeit, Phantasielosigkeit, Ziellosigkeit, Beziehungslosigkeit – alles dabei. Und nun: Jeden Tag einen Beitrag zu veröffentlichen, das war ein Plan, ein Ziel. Und der Antrieb dazu: nicht wieder versagen zu wollen. Und für tägliche Texte braucht’s Phantasie.

All das klang für mich nach einer guten, selbt zu bewältigenden Therapie, die auch noch Spaß machen wird. Deshalb begann ich damit. Am Anfang glaubte ich ja noch, daß ich froh sein kann, wenn ich den Januar schaffe! Der hundertste war dann schon eine Überraschung.

Ist das nicht manchmal etwas hart, jeden Tag ein neues Thema zu finden? Schließlich machst Du das ja alles in Deiner Freizeit. Wo nimmst Du die Disziplin her, wie motivierst Du Dich?

(lacht) Ja! Manchmal war es hart. Das eine Mal hatte ich zum Beispiel echt absolut keine Idee. Ich saß drei oder vier Stunden vor einem leeren Blatt. Jaja, ich schreibe alles mit dem Stift auf Papier, ehe ich es dann abtippe. Schließlich begann ich, mit dem 28er von Helmut Maier zu spielen. Und das Ergebnis? Das lobte sogar Helmut Maier selbst als „Lehrgedicht“. Was war, bin! ich stolz darauf.

Meist jedoch lieferte das Leben genug Stoff: Herumliegendes, Schrankinhalte, Musik, Schmerzen, kleine Kunstwerke und große Ereignisse – all das, was den Alltag ausmacht. Freizeit zur Schreiberei hatte ich genug. Und Disziplin? Ich hatte jeden Tag etwas zu tun! Wenigstens etwas. Und das wichtigste Motiv: Nie wieder versagen, sondern durchhalten. Dann kam der 250. Beitrag, und seit dem 315. Beitrag (keine 50 mehr!) laufe ich in einem stabilen „runners high“ – um beim Marathon-Bild zu bleiben.

Wer Deinem Blog folgt findet ausreichend Hinweise, dass dieses Jahr für Dich ganz persönlich kein Spaziergang war. Magst Du etwas darüber erzählen?

Zum einen war, nein, ist da die Depression, die mich überhaupt zum Mitmachen trieb. So viel schlimmer aber als das Leben anderer Blogger, anderer Menschen, war mein Jahr dieses Jahr nicht. Klar, dreizehn Wochen Therapie in einer Tagesklinik von September bis Anfang Dezember waren echt anstrengend. Aber Ärger mit dem Jobcenter hat wohl jeder, der dort auch „Kunde“ ist. Und wenn ich ganz ehrlich sein darf: Dank meiner Bloggerei war das Jahr sogar besser als die vorhergehenden acht Jahre. Denn ich sah ja meinen Erfolg zum Bieispiel in Klickzahlen. Dafür möchte ich all denen danken, die meine Beiträge lesenswert fanden.

Kennst Du eigentlich jemand, für den 2011 ein Spaziergang war?

In Deinem Blog gibst Du viele Seiten von Dir zu erkennen. Gerade jetzt im Dezember erlebst man Dich als einen Menschen, der sehr heimatverbunden ist. Was bedeutet das für Dich, „Heimat“?

Viele Seiten? Schon. Irgendwie. Aber es ist doch nur zu erkennen, was ich erkennen lassen mag. Ich stelle meine Realität schon ein wenig bearbeitet dar, muß das ja schon wegen rechtlicher Belange tun. Aber Heimatverbundenheit stimmt definitiv.

Was ist Heimat für mich? Du stellst ziemlich schwierige Fragen – oder besser gesagt, Deine einfachen Fragen sind nicht so einfach zu beantworten. Heimat: Sicher ist das Erzgebirge ein Stück Heimat, Halle (Saale) ist Heimat, die DDR ist immer Heimat gewesen. Die BRD ist es nicht, und noch weniger Europa. Also die Region, in der ich aufwuchs, und die Region, in der ich lebe, und das Netz und die deutsche Sprache und der erzgebirgische Dialekt: Das ist meine Heimat.

Der Emil im Kampfanzug, 2007 (Quelle: Der Emil)

Der Emil im Kampfanzug, 2007 (Quelle: Der Emil)

Du hast ein Jahr lang sehr Persönliches von Dir preisgegeben. Viele Menschen haben sich mit Dir gefreut, haben mit Dir gelitten und manchmal sogar „vorgeheult“ („Vorheulen“, was für ein Wort!). Viele Deiner Leser hast Du noch nie gesehen. Andere stammen aus Deinem unmittelbaren Umfeld. Jeder, der Dich kennen lernt, kann alles Mögliche im Blog über Dich nachlesen. Wie fühlt sich das an?

Dieses „viele Menschen“ hat mich jetzt etwas erschreckt. Aber es ist wohl wahr. Ziemlich viele (eigentlich die ganze Welt) können alles lesen, was ich schrieb und erfahren so, wie es in mir aussieht. Solange ich schrieb, fühlte es sich immer richtig und gut an. Auch noch eine oder zwei Wochen danach. Jetzt allerdings… Manches würde ich gern ungeschrieben machen – aber verkaufte Bücher lassen sich ja auch schwer wieder einsammeln. Doch was soll ich mich verstecken? Das habe ich seit 2003 bis zu diesem Jahr gemacht, mich versteckt und mir meinen maßgeschneiderten Schutzanzug „Der Emil“ geschaffen; und ich habe ihn nie auch nur eine Sekunde abgelegt, jahrelang.

Ich bleibe auch in Zukunft bei meinem Grundsatz: Was veröffentlicht ist, bleibt stehen. Damit muß ich leben. Und das gute Gefühl überwiegt ja ganz gewaltig.

Ein Jahr lang jeden Tag ein Post. Hast Du dieses Jahr intensiver erlebt als andere?

Wahrscheinlich. Sicher habe ich dieses Jahr anders erlebt als all die Jahre davor. Spätestens seit dem Tag, da ich mein regelmäßiges „P.S.: Positiv am … war …“ dazusetzte, habe ich intensiver auf die Dinge geachtet, die positiv sein können und sind. Auch das Auf und Ab … Trotzdem. Nein, ich habe dieses Jahr nicht intensiver erlebt, ich kann mich nur viel besser daran erinnern. Denn weil es meinen Blog gibt, kann ich vieles nachlesen.

Hast Du aus der Aktion etwas gelernt?

Gelernt? Aus dieser Aktion? Jetzt muß ich aber wirklich nachdenken.

Doch. Durchhalten lohnt sich. Ich liebe es, ein Publikum zu haben. Auch was Spaß macht, kann anstrengend sein. Und mir gelingt, was ich wirklich will, wenn ich die meiste Zeit Spaß daran habe und immer wieder Erfolg sehe.

Verrätst Du uns, was Du zu Silvester machst – außer bloggen?

Für Silvester habe ich wirklich noch keinen Plan. Kann sein, ich geh mit der allerallerallerbesten Freundin, kann sein, ich bleibe allein. Aber auf Fälle werde ich eines tun: DINNER FOR ONE ansehen, mindestens drei Mal.

Wirst Du weiter machen? Bist Du bei One Post A Day 2012 dabei?

Darüber habe ich schon nachgedacht. Erste Idee: Endlich ist das Jahr geschafft, es reicht jetzt. Jetzt weiß ich, welche Last es ist, jeden Tag etwas zu veröffentlichen. Und ich weiß, wie es sich anfühlt, es trotzdem zu schaffen. Heimlich habe ich sogar schon eine Planung und mit Texten für 2012 begonnen. Aber verrate das bitte niemandem, vor allen nicht mir!

Die Entscheidung fällt am 31. Dezember – per Los. Oder auch nicht.

Lieber Emil, vielen Dank, dass Du Dir die Zeit genomme hast und für Deine Offenheit. Du bist echt der Marathon Blogger. Halt das Ziel fest im Auge und komm gut an. Viel Glück und alles Gute für 2012!

Dankeschön. Eines muß ich aber noch loswerden. Als ich die Überschrift las und die Fragen, da tanzte ich vor Freude zunächst wie ein Urwaldindianer beim Regentanz durch meine Wohnung. „Der Marathon-Blogger“ – damit bin ich gemeint? Und die Fragen zeigten, daß da jemand ziemlich genau gelesen hat, was ich übers Jahr schrieb. Das war doch eine sehr freudige Überraschung. Und beim Antworten mußte ich mich mit mir selbst und meinen Beiträgen beschäftigen: Das war auch interessant.

Auch Dir und allen Lesern eine besinnliche Weihnachtszeit und viel Glück im neuen Jahr!

P. S.: „daß“ und „muß“ wird in diesem Interview anders geschrieben als der aufmerksame Leser es gewohnt ist. Eine kleine Anleihe vom Emil. Genauso wie dieser wunderschöne Satz zum Schluss: „Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s  Lesen.“

Nachtrag, 31.12.2011: Emil hat es geschafft! Herzlichen Glückwunsch.


18 Antworten zu “Der Marathon Blogger

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  7. Ein Interview mit dem Emil – und ich entdecke das erst knapp vor Jahresende! Ja, diese Jahr habe ich auch – so weit es ging – mitverfolgt. Meine Hochachtung! Es war unterm Strich immer ein Spaß, das mitzulesen. Und jetzt auch noch Interview: Berühmt wird man also auch 🙂
    Aber das bist Du ja auch so
    Liebe Grüße
    Pantoufle

    • Hola Vallartina! Schön wenn es Dir gefallen hat. Ich nehm Dich gerne auf meine Liste. Dann kannst Du erzählen von Dir, dem Leben in Mexico, Puerto Vallarta, Don Vallartino, der Bloggerei und allem anderen. Wird die Leute bestimmt interessieren. Mich sowieso. LG, Dein Medienkanzler

      • Die scheue Vallartina. So scheu, dass ich sie fast übersehen hätte. Ach komm schon, die halbe Welt liest bei Dir mit. Irgendwann mach ich mir auch noch ein Bild von Dir – mit oder ohne Sombrero. Also, die Einladung steht so lange es dieses Blog gibt. Grüße nach Puerto V.

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